Folge 95 „Worum geht's am 1. Mai, Laura Pooth?"
Shownotes
Der 1. Mai steht kurz bevor. Die Gewerkschaften gehen mit einigen Forderungen auf die Straße, die vom Acht-Stunden-Tag über Sozialpolitik bis zum bezahlbaren Leben reichen. Es geht dabei um teils sichergeglaubte gesellschaftliche Errungenschaften, die vermehrt Angriffen ausgesetzt sind. Das ist Anlass für uns mit Laura Pooth, der Vorsitzenden des DGB Bezirks Nord, zu sprechen. In dieser Folge von Friedrichs Flaschenpost unterstreicht sie, warum es gerade aktuell so nötig ist, sich einzusetzen gegen den Rückbau des Sozialstaats und den Abbau von Arbeitnehmer*innenrechten. Wir sprechen über die Bedeutung des 1. Mai als Feier- und vor allem als Kampftag, und über die Rolle und das Selbstverständnis von Gewerkschaften angesichts der Herausforderungen der Transformation und politischer Verschiebungen. Zudem verrät uns Laura Pooth, was sie an ihrer Aufgabe so motiviert und welchen anderen Berufsweg sie auch gerne eingeschlagen hätte, wäre sie nicht Lehrerin und dann Gewerkschaftsvorsitzende geworden. Also: Reinhören und dann raus zum 1. Mai!
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00:00:01: Friedrichs Flaschenpost, der Politik-Podcast aus Norddeutschland von der Friedrich-Ebert-Stiftung.
00:00:07: Herzlich willkommen zu Friedrichs Flaschenpost, dem Politik-Podcast aus Norddeutschland
00:00:11: von der Friedrich-Ebert-Stiftung.
00:00:13: Vielen Dank, dass ihr eingeschaltet habt, sagt am Mikrofon Stine Klapper aus
00:00:17: dem Regionalbüro Nord der FES.
00:00:19: Diese Folge nehmen wir kurz vor dem 1. Mai auf.
00:00:23: Ja, 1. Mai, Mayday, Tag der Arbeit. Das ist ein Feiertag, aber vor allem auch
00:00:28: ein Kampftag. dessen Ursprünge auf das 19.
00:00:31: Jahrhundert zurückgehen und zwar auf die Kämpfe der Arbeiter und Arbeiterinnen zu der Zeit.
00:00:35: Eventuell ist der einen oder dem anderen die Haymarket-Versammlung oder das
00:00:40: Haymarket-Massaker 1886 in Chicago in den USA bekannt, auf das das Datum 1. Mai zurückgeht.
00:00:47: Oder eventuell habt ihr von Streiks zu der Zeit auch in anderen Ländern gehört.
00:00:50: Das sind spannende Ereignisse, über die wir auch mal eine Folge von Friedrichs
00:00:54: Flaschenpost machen könnten oder auch ganz speziell über die wichtigen historischen
00:00:57: Arbeiterkämpfe hier in Norddeutschland.
00:00:59: Der bedeutende Hafenarbeiterstreik ist zum Beispiel bald 130 Jahre her.
00:01:03: Heute wollen wir aber eigentlich nicht über die Geschichte sprechen,
00:01:07: sondern über die Gegenwart und zwar über den 1.
00:01:09: Mai 2026 und darüber, was die Gewerkschaften dieses Jahr auf die Straße treibt.
00:01:14: Aber ein Hinweis vielleicht doch noch. Im Chicago vor genau 140 Jahren ging
00:01:19: es um den Kampf für den Acht-Stunden-Tag.
00:01:22: Das kommt vielleicht ein bisschen bekannt vor. Meine heutigen Gesprächspartnerin
00:01:27: kommt das sicher auch bekannt vor, denn ich möchte heute mit einer Person über
00:01:30: die diesjährigen Gewerkschaftsforderungen und über die aktuelle Bedeutung von
00:01:34: Gewerkschaften sprechen, die sich damit auskennt.
00:01:36: Und wer könnte da besser passen als die Vorsitzende des DGB Nord,
00:01:40: Laura Poth. Moin Laura. Hallo Stine.
00:01:43: Laura, du bist seit 2021 Vorsitzende des Bezirkes Nord des Deutschen Gewerkschaftsbunds
00:01:49: und wurdest im letzten November mit 97,8 Prozent der Delegierten Stimmen wiedergewählt.
00:01:55: Bezirk Nord heißt, du bist für Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein zuständig.
00:02:00: Vor deiner Zeit beim DGB Nord warst du GEW-Vorsitzende in Niedersachsen und
00:02:05: in deinem früheren Leben warst du passenderweise Lehrerin. Du bist als Gewerkschafterin
00:02:09: Mitglied in verschiedenen Aufsichtsräten und warst in NDR Landesrundfunkräten aktiv.
00:02:15: Du warst vor einigen Jahren schon einmal in unserem Podcast zu Gast und heute
00:02:20: treffe ich dich im Hamburger Besenbinderhof, dem Gewerkschaftshaus hier.
00:02:23: Vielen Dank, dass du zu Gast bei Friedrichs Flaschenpost bist.
00:02:27: Sehr gerne, ich freue mich.
00:02:29: Liebe Laura, der 1. Mai steht uns bevor und zu Beginn würde ich dich gerne bitten,
00:02:34: kannst du uns bitte einmal abholen und kurz erklären, welche Bedeutung überhaupt
00:02:38: dieser Tag für die Gewerkschaften hat. Der 1.
00:02:41: Mai ist unser Tag, das ist unser Kampftag und wenn ich dir so zuhöre,
00:02:46: dann wird mir nochmal wieder bewusst, wie wichtig der ist, weil alles,
00:02:50: wofür wir Gewerkschaften je eingetreten sind,
00:02:53: von Lohnfortzahlung im Krankheitsfall bis zu Urlaub, bis zu,
00:02:57: dass überhaupt das Wochenende frei ist,
00:02:59: das steht alles im Moment wieder zur Disposition.
00:03:02: Es gibt Vorschläge von Arbeitgeberverbänden, ohne Ende an unseren Errungenschaften zu sägen.
00:03:09: Und deshalb ist es so wichtig wie nie, in einer Gewerkschaft zu sein.
00:03:13: Und das ist genau der Tag, an dem wir das demonstrieren und Flagge zeigen.
00:03:18: Super, ich würde gerne einmal wirklich über die diesjährigen Forderungen sprechen.
00:03:23: Die Forderung des DGB und wir könnten wahrscheinlich über jede dieser Forderungen
00:03:27: eine eigene Sendung machen.
00:03:28: Und die können wir jetzt nicht alle im Einzelnen im Detail besprechen.
00:03:31: Aber wir möchten gerne einen Überblick geben und einfach alles einmal auf den
00:03:35: Tisch bringen zumindest.
00:03:36: Und ein Thema, was wir gerade in der Anmoderation schon hatten,
00:03:39: ist der Acht-Stunden-Tag. Mit Macht für die Acht ist das Motto.
00:03:44: Was ist der Hintergrund dieser Forderung?
00:03:46: Wir erleben immer wieder die Forderung. Also im Grunde geht es darum,
00:03:50: die Wirtschaft schwächelt und es gibt Teile der Gesellschaft,
00:03:55: die meinen, man kriegt die Wirtschaft wieder in Gang, wenn man an den Arbeitnehmerrechten
00:03:59: sägt, wenn man am Sozialstaat sägt.
00:04:01: Und das ist so der Grundkonflikt, den wir haben. Und davon ist eben ein Vorschlag
00:04:07: zu sagen, irgendwie müssen wir das Arbeitsvolumen erhöhen und das geht am besten,
00:04:12: wenn man die Menschen einfach noch mehr arbeiten lässt.
00:04:16: Und die Arbeitgeber sagen, Mensch, ihr kriegt doch Flexibilität und ihr müsst
00:04:20: doch nicht an diesem starren Acht-Stunden-Tag festhalten, wir können den doch ausweiten.
00:04:25: Und immer unter diesem Deckmantel, ihr könnt das doch dann flexibel machen.
00:04:30: Was die aber wirklich meinen ist, dass sie die Arbeitszeit pro Tag unglaublich
00:04:34: ausweiten wollen und das kann wirklich nur jemand vorschlagen,
00:04:38: der es warm und bequem auf dem Bürostuhl hat.
00:04:41: Wenn ich aber mit Leuten spreche, die in einer Schicht arbeiten,
00:04:44: in Tiefkühlhäusern, Ware packen, in einer Molkerei, die sagen,
00:04:49: nein, wir gehen jetzt schon auf ein Zahnfleisch, auf gar keinen Fall.
00:04:52: Und deshalb sind wir da auch so massiv dabei zu sagen, daran wird nicht gerüttelt,
00:04:58: weil einzelne Möglichkeiten, so einen Arbeitstag mal auszuweiten,
00:05:02: die gibt es schon im geltenden Arbeitszeitgesetz.
00:05:06: Und darüber hinaus wäre alles nur Überlastung der Beschäftigten,
00:05:11: die es sowieso schon gibt. Das hat ja eine lange Geschichte.
00:05:14: Der 8-Stunden-Tag haben wir ja gerade schon auch kurz gehört,
00:05:17: dass das schon wirklich eigentlich eine uralte Errungenschaft ist,
00:05:20: die jetzt wieder angegriffen wird.
00:05:22: Ist das in der Debatte klar? Also was das für eine Errungenschaft war und was
00:05:26: für ein eigentlich Tabubruch diese Infragestellung bedeutet?
00:05:30: Für die Arbeitgeber scheint das nicht klar zu sein, was das für eine Errungenschaft
00:05:34: ist und was es auch für ihr Wirtschaftswachstum bedeutet.
00:05:38: Weil du kannst jeden Arbeitswissenschaftler, jede Arbeitswissenschaftlerin,
00:05:43: die sich damit auseinandersetzt, sobald du dauerhaft mehr als zehn Stunden pro
00:05:47: Tag arbeitest, wirst du krank.
00:05:49: Und wenn praktisch die Arbeitgeber an dieser Errungenschaft sägen,
00:05:53: ist das ja nicht nur zum Nachteil der Beschäftigten, sondern auch zum Nachteil
00:05:57: des Wirtschaftswachstums. weil einfach sich immer mehr Beschäftigte dann krank
00:06:01: melden müssen, weil sie einfach ausgebrannt sind.
00:06:04: Es gibt übrigens auch viele GewerkschafterInnen, die sagen, wir müssten eigentlich
00:06:09: aus mit Macht für die Acht sagen, wir lieben die Sieben, weil eigentlich Acht schon zu viel ist.
00:06:15: So ist eigentlich die Debatte, die Sinn machen würde.
00:06:20: Du hast es schon angesprochen, wir machen wirklich jetzt einen schnellen Ritt
00:06:24: tatsächlich durch die Forderung, aber du hast es schon angesprochen, Krankheit als Thema.
00:06:28: Das ist jetzt auch mehrfach in der politischen Debatte wieder hochgekommen,
00:06:31: aber eine Forderung, die damit auch zusammenhängt, ist Forderungen,
00:06:37: die den Sozialstaat angehen.
00:06:38: Sozialstaat habt ihr auch als Thema in der Forderungsliste drin,
00:06:41: da geht es um Renten, da geht es eben aber auch um Gesundheit.
00:06:44: Was sind da konkret eure Forderungen und warum ist das gerade so ein aktuelles
00:06:48: Anliegen? Ja, das ist im Grunde dieses Kernthema, das...
00:06:53: Überall der Eindruck erweckt wird, dieser Sozialstaat wäre so teuer und würde
00:06:58: praktisch Wirtschaftswachstum bremsen.
00:07:00: Und wir sagen, es ist genau umgekehrt. Wir können es uns nicht leisten,
00:07:04: diesen Sozialstaat zu schwächen, weil wenn der Eindruck entsteht,
00:07:09: wenn ich arm, krank oder alt werde, falle ich durchs Raster,
00:07:13: dann bietet das aus meiner Sicht genau den Nährboden für das Erstarken der Parteien am rechten Rand.
00:07:19: Und deshalb verteidigen wir diesen Sozialstaat auch so sehr.
00:07:23: Nicht nur, weil wir solidarisch sind und weil wir sagen, Stärkere müssen für
00:07:28: Schwächere sich einsetzen, was für uns ja so eine Grundhaltung ist,
00:07:32: aber auch, weil es zum Zusammenhalt der Gesellschaft elementar ist,
00:07:36: dass niemand Angst haben darf, dass er irgendwie alleingelassen wird.
00:07:40: Und ich finde das teilweise auch wirklich unverfroren, welche Vorschläge da
00:07:46: aus der Arbeitgeberschaft kommen.
00:07:48: Gerade heute in den Kieler Nachrichten sagt der UV-Nord-Geschäftsführer,
00:07:52: es soll jetzt einen Karenztag geben.
00:07:55: Also wenn du dich krank meldest, soll der erste Tag erstmal nicht mehr weiterbezahlt werden.
00:08:00: Wo lebt der, frage ich mich da, solche Vorschläge zu machen?
00:08:04: Unglaublich, wirklich. Aber da wird ja dann immer die Finanzierung ins Feld geführt.
00:08:08: Und die Finanzierung läuft ja auch über die Arbeitnehmer größtenteils durch die Abgaben.
00:08:13: Da ist ja durchaus eine Belastung da.
00:08:15: Also wie antwortet ihr auf diesen Punkt?
00:08:18: Auf die finanzielle Belastung?
00:08:20: Für wen? Bei dem Punkt Sozialstaat und Sozialsysteme, Renten,
00:08:25: Gesundheit, wird ja immer ins Feld geführt.
00:08:27: Demografischer Wandel und die Finanzierung stellt eine große Herausforderung
00:08:30: dar und wir können uns das sozusagen nicht mehr leisten.
00:08:33: Was antwortet ihr darauf? Ja, wir sagen im Grunde, wir können es uns nicht leisten,
00:08:37: diese sozialen Errungenschaften nicht zu finanzieren.
00:08:41: Und wir sagen, es muss natürlich auch dahin geguckt werden, wer trägt denn wie
00:08:45: viel bei zur Finanzierung des Sozialstaats.
00:08:49: Mein IG Metall-Kollege wird heute zitiert mit, es wird beim Regelsatz,
00:08:55: was kriege ich an Bürgergeld beispielsweise, wird genau geguckt,
00:08:59: wie viele Stifte, wie viele Unterhosen kaufe ich mir und auf der anderen Seite,
00:09:02: wie hoch ist eigentlich der Gewinn der Mineralölkonzerne aufgrund der Krise.
00:09:07: Da wird plötzlich gesagt, oh, das wissen wir gar nicht so genau.
00:09:11: Da liegt doch sozusagen der Hase im Pfeffer oder wie heißt das?
00:09:15: Bei denen, die sowieso nichts haben, da wird hingeguckt und das ist angeblich das Problem.
00:09:20: Auch diese ganze Bürgergeldreform am Ende, der hat das überhaupt nicht viel
00:09:24: in die Kassen gespült und am Ende sind das auch nicht die Kosten,
00:09:28: die es so teuer machen, sondern dass wir zulassen, dass einige Unternehmen,
00:09:33: gar nicht alle, das will ich gar nicht sagen, aber einige Unternehmen gewinnen
00:09:36: noch durch die ganze Krise und da wird dann plötzlich der Deckmantel drüber gelegt.
00:09:41: Das habe ich auch gestern wieder beim Energiegipfel in Mecklenburg-Vorpommern.
00:09:46: Das finde ich übrigens klasse, dass die Ministerpräsidentin da wirklich permanent
00:09:50: alle Akteure an einen Tisch holt.
00:09:53: Und da ging es dann auch über die Übergewinnsteuer der Mineralölkonzerne.
00:09:57: Und da sagen die Arbeitgeber, oh nee, das können wir nicht dahinter stehen.
00:10:01: Nee, das muss erst mal das Kartellamt prüfen, ob die wirklich Übergewinne machen.
00:10:07: Und vielleicht ist das auch gar nicht ungerechtfertigt. Da habe ich auch gedacht,
00:10:12: reden von Bürokratieabbau, aber fordern da neue Bürokratie ein,
00:10:17: damit bloß nicht irgendwie ein Unternehmen sich mit den Übergewinnen am gesellschaftlichen...
00:10:23: Und am Wirtschaftswachstum beteiligen muss. Das finde ich schon wirklich krass.
00:10:29: Du sprichst es an, Übergewinne, Profite. Das ist auch ein weiterer Punkt in
00:10:33: eurem Forderungskatalog, wo es um Zukunftsinvestitionen geht.
00:10:38: Wo es darum geht, ja klar, die Wirtschaft steht vor Herausforderungen.
00:10:41: Es muss investiert werden, um
00:10:43: zukunftssicher zu sein in KI, Batterien und klimaneutrale Produkte auch.
00:10:49: Was ist da eure Forderung in diesem Zusammenhang?
00:10:52: Wir haben ja ganz lange schon kämpfen wir dafür, dass oder zeigen wir,
00:10:57: wie hoch der Investitionsbedarf ist und ich brauche auch gar nicht weit gucken,
00:11:01: wie sieht es denn aus mit Brücken, mit Schulen, mit der Bildung,
00:11:05: mit der Hochschule und so weiter.
00:11:06: Und ich finde, da ist uns wirklich was gelungen, was jetzt so ein bisschen hinten runter zu kippen droht.
00:11:13: Nämlich, dass die Bundesregierung ein Sondervermögen von 500 Milliarden Euro
00:11:18: ins Spiel gebracht hat oder das wirklich jetzt auf den Weg gebracht hat,
00:11:23: dass praktisch dafür da ist, jetzt wirklich zu investieren. Und das ist auch genau richtig.
00:11:27: Jetzt droht das so ein bisschen in den Hintergrund zu geraten,
00:11:30: weil es kommt im Grunde kaum was an.
00:11:33: Also spüre ich, dass das Leben läuft? Kommt die Bahn? Kommt der Bus pünktlich?
00:11:37: Das sind alles Fragen, die die Menschen im Moment umtreiben.
00:11:41: Und ich finde es schon ein starkes Stück, dass in einem der reichsten Länder
00:11:46: der Erde wir da so stark darauf drängen müssen, dass diese Investitionen auch stattfinden.
00:11:51: Und genau das ist der Punkt, der uns auch weiter umtreiben wird und der auch
00:11:55: für Wirtschaftswachstum, was
00:11:57: ja von der Arbeitgeberseite permanent vorangetrieben wird, elementar ist.
00:12:03: Wenn wir weiter in den Forderungskatalog gucken, kommt ihr zum Thema Steuerpolitik,
00:12:08: wo man vielleicht nicht als erstes bei Gewerkschaften draufkommt,
00:12:11: dass es das Thema ist, aber es ist dennoch und vor allen Dingen auch in Verbindung
00:12:15: mit Punkten, die du schon angesprochen hast, mit Punkten der Ungleichheit.
00:12:19: Was fordert ihr da konkret, beziehungsweise wie könnte denn eine gerechtere
00:12:23: Steuerpolitik in euren Augen aussehen? Das ist ja Kern unserer DNA,
00:12:29: dass es gerecht zugehen muss und das sehen wir eben nicht.
00:12:32: Die Vermögenssteuer muss aus unserer Sicht wieder her.
00:12:37: Die Erbschaftssteuer muss wieder eingeführt werden.
00:12:40: Und da geht es uns gar nicht darum, ob jemand ein dickes Auto oder zwei hat
00:12:46: oder ob jemand ein kleines Häuschen der Oma geerbt hat, sondern es geht um wirklich,
00:12:51: wirklich Vermögende und davon sozusagen der Anteil derer, also ein Prozent der
00:12:57: Bevölkerung in Deutschland besitzt ein Drittel des gesamten Privatvermögens.
00:13:02: Es geht uns zum Beispiel um den Besitzer von Kaufland und Lidl.
00:13:06: Vor ein paar Jahren hieß es schon, der soll ein Vermögen von 15 Milliarden Euro haben.
00:13:11: Und das sind Summen, die, finde ich, könnten sich gut am Allgemeinen Wohl beteiligen.
00:13:18: Noch ein Thema, und das ist die finale Forderung in eurem Katalog sozusagen
00:13:22: für dieses Jahr, ist bezahlbares Wohnen für alle. Warum ist das ein Gewerkschaftsthema?
00:13:28: Weil wir natürlich darauf gucken, was verdienen die Menschen,
00:13:32: wie hoch ist ihr Einkommen und welchen Anteil davon müssen sie eigentlich für
00:13:36: Wohnen, für Miete aufbringen.
00:13:38: Und das hat mich auch überrascht, als ich vor fünf Jahren hierher kam,
00:13:41: dass die Mieten in Hamburg unglaublich hoch sind. Das liegt so ein bisschen auf der Hand.
00:13:45: Aber auch in Kiel und Lübeck beispielsweise ist die sogenannte Mietbelastungsquote,
00:13:51: also wie viel gebe ich von meinem Einkommen für Miete aus, genauso hoch wie
00:13:55: in Frankfurt, München oder Hamburg.
00:13:57: Und da erleben wir wirklich im Moment Probleme und auch das bietet Nährboden
00:14:02: für das Erstarken der Rechten, wenn ich keine bezahlbare Wohnung finde.
00:14:07: Dann wird es schwierig. Und dafür treten wir ganz stark ein.
00:14:10: Wir haben da auch ein paar Erfolge schon erzielt.
00:14:13: Du hast es gerade schon angesprochen, Wohnen ist ein Thema hier im Norden auf jeden Fall.
00:14:18: Welches der anderen Themen oder welches Thema vielleicht auch zusätzlich ist
00:14:22: aktuell besonders wichtig hier im Blick auf Norddeutschland?
00:14:26: Wenn ich in Berlin mich mit meinen Amtsbrüdern und Schwestern treffe,
00:14:30: die dann aus Baden-Württemberg oder Bayern kommen, Und dann habe ich manchmal
00:14:33: das Gefühl, die sagen so, ach Laura, du da oben im Norden mit den Flächenländern,
00:14:38: okay Hamburg, aber ansonsten habt ihr doch da eher Landwirtschaft.
00:14:41: Nein, auch hier haben wir Industrie und Industrie.
00:14:45: Wir haben hier das Potenzial, weltweit anerkannte Modellregionen zu werden,
00:14:50: was auch die erneuerbaren Energien betrifft.
00:14:53: Nun erleben wir, dass es sich nicht so entwickelt hat, wie wir es vielleicht
00:14:56: immer mal uns gewünscht hätten.
00:14:58: Auf jeden Fall erlebe ich, dass es wichtig ist.
00:15:03: Dass da, wo Beschäftigte von ihren Arbeitgebern mitgenommen werden,
00:15:07: also da, wo die Unternehmensspitze sagt, da und da will ich hin und das und
00:15:13: das müsst ihr dafür können und so und so wird sich dein Arbeitsplatz weiterentwickeln.
00:15:18: Da ist die Überzeugung, sich weiterzuentwickeln, viel größer.
00:15:22: Da ist das Vertrauen eher da.
00:15:24: Da ist ein positiveres Gefühl für diesen Wandel, für die sogenannte Transformation vorhanden.
00:15:30: Und das ist aus meiner Sicht das, wofür wir Gewerkschaften auch eintreten müssen,
00:15:34: das auch den Arbeitgebern klarzumachen.
00:15:36: Da würde ich später gerne nochmal über diesen Punkt gerne noch ein bisschen weitersprechen.
00:15:40: Aber jetzt möchte ich dich gerne einmal fragen, wo können wir denn deine Mai-Rede
00:15:44: in diesem Jahr hören? Oh, ich bin dieses Jahr in Kiel und da freue ich mich
00:15:49: natürlich sehr, in der Landeshauptstadt Schleswig-Holsteins sprechen zu dürfen.
00:15:53: Vielen Dank, Laura, schon mal für den Überblick über die diesjährigen Forderungen.
00:15:57: Wir machen jetzt einen Cut. Nachher, wie gesagt, möchte ich die Themen nochmal aufnehmen.
00:16:01: Aber wie in unserem Podcast üblich, möchten wir auch mehr über unseren Gast
00:16:05: erfahren. und einen ersten Eindruck bekommen wir da immer mit Friedrich fragt.
00:16:09: Ich weiß nicht, ob du dich an das letzte Mal Friedrich fragt erinnerst.
00:16:13: Nee, wahrscheinlich nicht.
00:16:14: Friedrich fragt heißt, ich stelle dir ein paar Entweder-Oder-Fragen,
00:16:18: zwischen denen überhaupt kein Zusammenhang besteht und meine Bitte an dich ist,
00:16:21: einfach spontan zu antworten. Versuche ich. Okay, legen wir mal los.
00:16:25: Und zum Aufwärmen kommt der norddeutsche Klassiker und du kennst beides aus
00:16:29: deinem Zuständigkeitsbereich.
00:16:31: Also Nordsee oder Ostsee? Ostsee. Ganz klar, aus der Pistole geschossen.
00:16:36: Lieber Fahrrad oder ÖPNV? Fahrrad.
00:16:39: Haus im Grün oder Stadtwohnung mittendrin?
00:16:42: Pff, Haus im Grün.
00:16:45: Kieler Sprocken oder Rostocker Rauchwurst? Kieler Sprotten, aber nur wegen Fisch.
00:16:52: Verhandlungstisch oder Streik?
00:16:54: Streik. Wenn du nicht Lehrerin und dann Gewerkschaftsführerin geworden wärst,
00:16:59: wärst du lieber Feuerwehrfrau oder Instrumentenbauerin geworden?
00:17:02: Friseurin. Okay, auch gut, auch gut.
00:17:07: Urlaub lieber in den Bergen oder am Meer? Und auch im Norden darf man da ehrlich sein.
00:17:12: In den Bergen, nicht so eine Herausforderung. Und dann, wenn du in Urlaub fährst,
00:17:16: nimmst du dann lieber mit in ein Sachbuch oder einen Roman?
00:17:20: Einen Roman. Gut. Jetzt letzte Frage.
00:17:24: Wiedergeburt als Vogel oder als Fisch? Als Fisch.
00:17:28: Alles klar, vielen Dank für die spontanen Antworten. Jetzt haben wir schon einiges
00:17:31: über Laura Poth erfahren, aber gerne möchten wir noch ein wenig mehr wissen,
00:17:35: vor allen Dingen auch darüber, wie du eigentlich zur Gewerkschaft gekommen bist.
00:17:38: Erinnerst du dich daran, wann du zum ersten Mal überhaupt von Gewerkschaften gehört hast?
00:17:43: Ja, praktisch als ich noch auf dem Wickeltisch lag.
00:17:47: Mein Vater ist sehr stark in der IG Metall. Also der war sehr verbunden als
00:17:52: Betriebsrat bei Volkswagen.
00:17:55: Da war das klar. Und auch für mich, als ich in den Beruf eingestiegen bin,
00:17:58: war das, zack, also ohne Gewerkschaft geht gar nichts.
00:18:03: Also von Anfang an. Sehr gut.
00:18:05: Und dann bist du Lehrerin geworden. Wie kam es zu diesem Wunsch oder dieser Entscheidung?
00:18:10: Im Grunde wusste ich das schon in der Grundschule, dass ich Lehrerin werden will.
00:18:14: Ich habe dann auch lange als Schwimmtrainerin gearbeitet und das hat mir sehr
00:18:18: viel Spaß gemacht mit Kindern und Jugendlichen und der Berufswunsch, der war für mich klar.
00:18:23: Auch wenn mein Vater immer mal versucht hat, mich zu VW zu kriegen,
00:18:27: ich wollte Lehrerin werden um jeden Preis.
00:18:30: Und vermisst du es jetzt manchmal? Ja, ich vermisse das manchmal.
00:18:33: Meine Arbeit macht mir sehr viel Spaß.
00:18:35: Ich habe neulich im Zug einen ehemaligen Schüler getroffen, der jetzt als Schaffner
00:18:40: arbeitet und der hat mich wiedererkannt und das war so ein schönes Erlebnis.
00:18:44: Das kann ich mir vorstellen. Er ist inzwischen 37, da dachte ich, Hilfe!
00:18:50: Als Lehrerin bist du dann auch schnell eben aktiv in der GEW geworden.
00:18:54: Wie ich jetzt erfahren habe, stand das für dich wahrscheinlich von Anfang an
00:18:58: klar oder gab es noch irgendwie einen bestimmten Moment oder ist irgendwas vorgefallen,
00:19:02: dass du dachtest, okay, jetzt muss ich was tun? Ja, weil natürlich,
00:19:05: ich war ja dann in der GEW, das ist ja was ganz anderes als IG Metall.
00:19:09: Und ich war im Personalrat an meiner Schule aktiv und da war das einfach so
00:19:14: klasse, den gewerkschaftlichen Rückhalt zu haben.
00:19:17: Alles, was ich als Personalrätin an Fragen hatte, konnte ich praktisch in der Gewerkschaft klären.
00:19:23: Da konnte ich mir juristische Hilfe holen. Da wurden Netzwerktreffen organisiert.
00:19:27: Das hat einfach richtig viel Spaß gemacht. Und nach dem Ehrenamt bist du dann
00:19:33: auch hauptamtlich zur GEW und warst Vorsitzende in Niedersachsen und dann seit
00:19:38: 2021 bist du hier, bist du Vorsitzende des DGB Bezirks Nord.
00:19:42: 2025 wurdest du wiedergewählt. Was motiviert dich an dieser Arbeit?
00:19:47: Ich habe ja praktisch viele Jahre Bildungspolitik gemacht und mich um die Interessen
00:19:52: der Beschäftigten im Bildungsbereich, Lehrkräfte, Erzieherinnen,
00:19:56: Sozialpädagoginnen und so weiter gekümmert.
00:19:59: Und im Grunde dachte ich, das ist der Nabel der Welt. Bildung ist das Thema.
00:20:03: Und jetzt merke ich oft in Runden mit Ministerpräsidenten, ja Bildung,
00:20:07: oh ja, ganz wichtiges Thema, aber zack, nächstes Thema, nächstes,
00:20:10: nächstes, nächstes. Und es macht mir schon Spaß, auch nochmal diese Horizonterweiterung zu haben.
00:20:15: Wir haben ja im DGB eine unglaubliche Themenpalette und es ist meine Aufgabe,
00:20:21: so sehe ich es jedenfalls, als verlängerter Arm der Gewerkschaften,
00:20:25: eben die Tür zur Politik aufzumachen.
00:20:27: Also wenn die Gewerkschaft sagt, ich will jetzt einen Termin bei der neuen Landwirtschaftsministerin,
00:20:32: dann bin ich diejenige, die da die Tür aufmacht und sagt, jetzt wollen wir hierher.
00:20:37: Und das macht mir sehr viel Spaß.
00:20:40: Und eben auch dann zu erklären...
00:20:42: Bei den Politikern aufzuschlagen und zu sagen, aus den und den und den Gründen
00:20:47: müsst ihr jetzt die und die Gesetze ändern oder haben wir die und die Anliegen.
00:20:51: Und ja, das ist einfach eine sehr interessante, schöne Aufgabe.
00:20:55: Anders als die Aufgabe vorher sicherlich. Ja, also vieles deckt sich.
00:21:03: Unterschiedliche Positionen unter einen Hut bringen und die Interessen vieler zu vereinbaren.
00:21:08: Aber es ist einfach thematisch viel breiter und doch nochmal eine ganz andere Aufgabe.
00:21:14: Und wenn du auf die jetzt fast fünf Jahre zurückblickst, was waren in dieser
00:21:17: Zeit deine oder eure größten Erfolge? Also als ich noch in der GEW gearbeitet
00:21:22: habe, hatten wir konkrete Forderungen, die wir umsetzen wollten.
00:21:26: Arbeitszeitverkürzung oder so ganz konkrete Dinge.
00:21:30: Und hier bin ich ja so im Dachverband und muss immer zusehen,
00:21:34: dass die acht Gewerkschaften zusammenhalten.
00:21:38: Und wenn ich nach einem größten Erfolg gefragt werde, dann ist es da,
00:21:42: wo es Konflikte gibt, nicht aufzugeben, sondern immer wieder sich an einen Tisch
00:21:46: zu setzen und zu sagen, jawohl, das sind aber unsere gemeinsamen Interessen.
00:21:51: Und dann hatten wir in Schleswig-Holstein die Situation, da gibt es verschiedene
00:21:56: Gerichte, Arbeitsgerichte, Sozialgerichte und plötzlich kam die Idee auf,
00:21:59: die sollen jetzt zusammengelegt werden.
00:22:01: Das heißt, die Beschäftigten hätten eine Menge Pendelei gehabt,
00:22:05: aber auch die, die zu ihrem Recht kommen wollen, hätten lange Fahrten auf sich nehmen müssen.
00:22:11: Da war aber Krawall, da sind wir mit so vielen Verbündeten auf die Straße und
00:22:15: das konnten wir abwenden.
00:22:17: Da habe ich auch so richtig unsere Wirksamkeit gespürt und das macht dann natürlich sehr viel Spaß.
00:22:23: Und für die jetzige Amtszeit, hast du bestimmte Themen, bestimmte Ziele,
00:22:28: die du dir vorgenommen hast?
00:22:30: Im Grunde unsere Errungenschaften zu erhalten und das ist natürlich manchmal
00:22:35: so ein bisschen frustrierend, weil wir gar nicht in diese Lage kommen,
00:22:38: dahin das und das und das sind unsere Ziele, sondern im Moment eher in so einem
00:22:42: Puh, was rollt da alles auf uns zu und wie können wir eigentlich das Leben der
00:22:48: Menschen gut und sozial gerecht gestalten.
00:22:52: Das ist im Grunde ein Ziel, dass niemand hinten runterfällt oder sich von der
00:22:56: Lage bedroht fühlt und dass das Leben der Menschen bezahlbar wird,
00:23:00: muss ich ja inzwischen sagen.
00:23:02: Das sind die Hauptziele. Bei dem Thema möchte ich gerne auch bleiben und nochmal
00:23:07: eben die Verbindung, den Bogen schlagen zu dem, was wir vorhin in Bezug auf
00:23:11: die Forderungen schon andiskutiert haben.
00:23:14: Wir leben ja in unsicheren Zeiten und da möchte ich das, was wir schon angefangen
00:23:20: haben zu besprechen, nochmal in den größeren Kontext vielleicht einordnen.
00:23:23: Es ist ja tatsächlich so, dass gerade vieles, was erkämpft wurde,
00:23:27: wieder in Frage gestellt wird.
00:23:28: Also es ist eine Zeit der wirtschaftlichen Krise oder der prognostizierten Krise,
00:23:33: der Unsicherheit und da hören wir viele Forderungen, die gehen in Richtung Rückbau des Sozialstaats,
00:23:38: Abbau der ArbeitnehmerInnenrechte und oft werden eben diese Forderungen mit
00:23:42: der Krise oder der drohenden Krise begründet.
00:23:44: Also wir müssen sparen, alle müssen den Gürtel enger schnallen und so weiter.
00:23:49: Das ist ja ein ziemlich starkes Narrativ, was auch stark verbreitet ist.
00:23:52: Was können die Gewerkschaften dem entgegensetzen? Wir haben uns ziemlich intensiv
00:23:57: damit auseinandergesetzt, warum ist es uns eigentlich nicht gelungen,
00:24:00: unsere Geschichte zu erzählen.
00:24:02: Diese Geschichte, die du gerade
00:24:03: beschrieben hast, die hat ja so verfangen und schnell verfängt auch.
00:24:07: Es ist schwierig und es muss immer einen Sündenbock geben und uns ist es praktisch
00:24:13: nicht so richtig gut gelungen, dagegen zu halten.
00:24:17: Und deshalb haben wir uns jetzt nochmal ganz stark zusammengeschlossen als Gewerkschaften
00:24:21: und gesagt, wir kämpfen uns nicht mehr so stark an denen ab.
00:24:25: Die Vorschläge haben, die nun gar nicht gehen.
00:24:28: Sondern wir stellen viel stärker in den Vordergrund, worum es uns geht.
00:24:32: Dass das Leben bezahlbar ist für die Menschen, dass wir von guten Löhnen leben.
00:24:37: Und dann kommen wir natürlich auch oft mit so sperrigen Begriffen wie Tariftreuegesetze.
00:24:42: Aber ich habe den Eindruck, bei vielen Menschen ist das inzwischen angekommen,
00:24:47: dass es sich mit Tarifvertrag besser lebt beispielsweise, weil ich eine bessere
00:24:53: Bezahlung habe, weil ich mehr Urlaub habe und so weiter.
00:24:55: Aber auch, weil Arbeitsbedingungen dann auch auf Augenhöhe mit den Arbeitgebern
00:25:01: ausgehandelt werden und da erleben wir schon eine Wirksamkeit und ich habe schon
00:25:07: den Eindruck, das sieht man auch in manchen Branchen.
00:25:10: Dass wir auch Mitgliederzuwachs haben, nämlich da, wo die Menschen wirklich
00:25:15: durch Streik beispielsweise was bewirken und feststellen,
00:25:18: ich kann in der Gemeinschaft mehr erreichen, als wenn ich mich alleine auf den Weg mache.
00:25:25: Und ich habe den Eindruck, dass das schon der Weg ist, zu zeigen,
00:25:30: wie ist eigentlich unser Bild einer guten sozial gerechten Gesellschaft und
00:25:35: das wäre doch gut, wenn wir da hinkommen und nicht das, was eine Partei am rechten Rand vorschlägt,
00:25:41: die ja nicht nur rechtsextreme Positionen vertritt, sondern mindestens genauso
00:25:45: schlimm eine rückwärtsgewandte Wirtschafts- und Sozialpolitik betreibt,
00:25:50: die wirklich nur Spaltung reinbringen würde.
00:25:53: Nein, wir stehen für eine sozial gerechte Gesellschaft ein, in der es jedem
00:25:58: Mensch, egal welcher Herkunft, welcher Religion, welches Alters, wo es allen gut geht.
00:26:03: Wäre das auch eine Forderung oder vielleicht Empfehlung, die du den politischen
00:26:07: Kräften überbringen würdest, also gerade den politischen Kräften natürlich der
00:26:11: linken Mitte oder links der Mitte?
00:26:14: Also wenn es darum geht, in diesem ja doch sehr dominanten Narrativ was entgegenzusetzen.
00:26:19: Ich habe manchmal das Gefühl, es geht dabei ein Stück weit unter,
00:26:23: auch wenn ich Bundespolitiker aus der SPD höre, was ist eigentlich euer Bild
00:26:29: einer gerechten Gesellschaft?
00:26:31: Was ist eigentlich eure Vision? Es hieß ja mal, wer Visionen hat, muss zum Arzt gehen.
00:26:35: Ich finde, wer an verantwortlicher Stelle in der Politik sitzt,
00:26:39: der muss zum Arzt gehen, wenn er keine Visionen hat. So, ich möchte doch jemanden,
00:26:43: der mir das Bild einer guten Zukunft malt.
00:26:47: So, wo will ich hin?
00:26:49: Und das fehlt mir manchmal ein bisschen, ja.
00:26:52: Wenn wir darüber sprechen, wo will ich hin, das Zukunftsbild?
00:26:56: Wir sind klar, gerade in der Zeit der Umbrüche auch und du hast sie auch schon
00:26:59: angesprochen, der Transformation.
00:27:01: Und dabei gibt es ja sehr viele verschiedene Transformationen sogar,
00:27:05: aber zwei möchte ich nochmal konkret ansprechen, weil sie die Wirtschaft so
00:27:09: stark betreffen, also die Digitalisierung und die Dekarbonisierung.
00:27:13: Und die stellen ja unser Wirtschaftsmodell, insbesondere die Industrie.
00:27:17: Gerade vor ganz besondere Herausforderungen.
00:27:20: Was ist da aus deiner Sicht wichtig bei der Gestaltung dieser doppelten oder
00:27:24: mehrfachen Transformation?
00:27:25: Du hast gerade schon davon gesprochen, wie auch das Gesellschaftsbild,
00:27:28: die Wirtschaftsvision vielleicht sein kann.
00:27:31: Aber ganz konkret, auch wenn wir uns jetzt auch im Norden angucken,
00:27:34: du hast es schon angesprochen, gerade was die Dekarbonisierung,
00:27:37: die erneuerbaren Energien angeht, ist hier einiges schon auch in Bewegung.
00:27:41: Was ist aus Gewerkschaftssicht wichtig, was darf dabei nicht vergessen werden?
00:27:45: Je mehr ich mich damit befasse, desto stärker stelle ich fest,
00:27:49: wir Gewerkschaften sind fast die einzigen, die darauf drängen,
00:27:54: dass Transformation nicht nur bloße CO2-Reduktion ist, sondern dass die Interessen
00:27:59: der Menschen nicht dabei hinten runterfallen dürfen.
00:28:03: Also die ganzen sozialen Aspekte. Und wir erleben immer wieder,
00:28:08: da haben wir mehrere Umfragen auch in den Betrieben gemacht,
00:28:12: da wo auf Weiterbildung geguckt wird, da wo also die Beschäftigten das Gefühl haben,
00:28:17: hier wird genau geguckt, wie
00:28:18: entwickelt sich mein Arbeitsplatz weiter und was muss ich dafür lernen.
00:28:22: Da gibt es keine Angst vor der Transformation oder viel weniger.
00:28:26: Da, wo die Betriebe mitbestimmt sind, wo es einen Betriebsrat gibt,
00:28:30: der auch als Sprachrohr zwischen Unternehmensführung und Belegschaft fungiert,
00:28:36: da sind die Ängste niedriger und da funktioniert es auch besser.
00:28:40: Das sind die Aspekte, die wir als Gewerkschaften unglaublich stark einbringen müssen.
00:28:45: Und du hattest vorhin nach Erfolgen gefragt. Ein Riesenerfolg ist, dass wir inzwischen...
00:28:50: Bei der Energieministerinnen-Konferenz als DGB dabei waren.
00:28:56: Und das war, glaube ich, auch ein Pfund, weil sonst die Interessen der Beschäftigten
00:29:02: bei den ganzen Energiefragen viel zu wenig eine Rolle spielen würden.
00:29:06: Und das werde ich auch weiter forcieren, dass wir da Gehör finden.
00:29:11: Die Interessen der Beschäftigten hast du angesprochen und auch,
00:29:15: was es für einen Unterschied macht, wie ein Betrieb gestaltet ist.
00:29:18: Also erstens, wie einbezogen wird, was Weiterbildung, aktiv angeht,
00:29:22: aber natürlich auch was Mitbestimmung angeht.
00:29:24: Und die Gewerkschaften waren schon immer eine wichtige demokratische Kraft.
00:29:28: Das hast du auch schon mehrfach gesagt.
00:29:29: Historisch ist das so, aber an verschiedenen Stellen war das immer wieder so.
00:29:33: Nun reklamieren aber Kräfte von rechts außen für sich die Belange der Arbeiter
00:29:38: sozusagen zu vertreten.
00:29:39: Die neue Arbeiterpartei zum Beispiel zu sein.
00:29:42: Glücklicherweise zeigen ja die aktuellen Betriebsratswahlen,
00:29:45: dass die ArbeitnehmerInnen das doch anders sehen. Aber nichtsdestotrotz,
00:29:49: Wie reagiert der DGB darauf? Wie versteht er da seine Rolle angesichts des Erstarkens von Rechtsaußen?
00:29:56: Ich kann verstehen, dass es viel Frust bei den Beschäftigten gibt.
00:30:00: Und wenn ich in Betrieben bin oder wenn ich auch unsere Regionsgeschäftsführung
00:30:04: von vor Ort höre, da ist viel Frust vorhanden.
00:30:08: Unsere Aufgabe wird es sein, nochmal aufzuzeigen, dass dieser Frust in nichts
00:30:14: kanalisiert wird, wenn Parteien von Rechtsaußen an die Regierung kommen.
00:30:19: Weil die ja nichts als Spaltung vorhaben und das am Ende bleibt für niemanden was übrig.
00:30:25: Wir gucken in die Röhre, weil alles, was ich gesagt habe, was für soziale Gerechtigkeit
00:30:29: sorgt, Vermögenssteuer, Erbschaftssteuer, das sind ja alles Sachen, die die nicht wollen.
00:30:34: Schutz vor Überlastung, Schutz vor Ausbeutung, alles nicht auf deren Agenda
00:30:40: und das sind alles Punkte, die wir vorantreiben.
00:30:43: Und wir sind diejenigen, die alle Beschäftigten vertreten, die auch eine klare
00:30:48: demokratische Haltung haben.
00:30:50: Und das sollten wir nach vorne stellen und zeigen, dass wir für konkrete Verbesserungen sorgen.
00:30:58: Gelingt das auch in den Betrieben? Ich finde, dass das Ergebnis der Betriebsratswahlen
00:31:02: schon zeigt, dass natürlich gibt es Einzelne, die wir nicht zurückgewinnen können.
00:31:08: Aber viele berichten auch, dass da in den Betrieben, wo es Tendenzen Einzelner
00:31:12: gibt, zu sagen, Mensch, ich bin so gefrustet, ich will jetzt die am rechten Rand.
00:31:17: Und wenn Einzelne sich dann mit denen auseinandersetzen, warum und überleg dir
00:31:21: doch mal, was dann passiert, dann lassen die sich auch wieder zurückgewinnen.
00:31:25: Und das ist wahrscheinlich eine sehr, also es ist Beziehungsarbeit und ich bin
00:31:30: sehr dankbar für die Leute, die sich in den Betriebsräten engagieren und die
00:31:34: jetzt dafür gesorgt haben, dass die Listen eben nicht erfolgreich waren.
00:31:39: Super wichtige Arbeit, sowohl im Betrieb als auch auf politischer Ebene,
00:31:43: die aktuell wahrscheinlich auch noch in nächster Zeit sehr wichtig sein wird.
00:31:48: Am Ende der Sendung senden wir immer eine Flaschenpost an die Zukunft.
00:31:52: Deine Nachricht also an die Zukunft und jetzt die Frage, was du reinschreibst.
00:31:55: Also wenn wir jetzt einfach mal davon ausgehen, dass alle diesjährigen Forderungen vom 1.
00:32:00: Mai, die du uns heute vorgestellt hast, erfüllt werden.
00:32:03: Was sagst du den Menschen in zehn Jahren, warum sollen sie trotzdem noch in
00:32:06: eine Gewerkschaft eintreten? Weil der Zusammenhalt einfach richtig glücklich macht. Sehr gut.
00:32:13: Und damit sind wir schon am Ende unserer 95. Folge von Friedrichs Flaschenpost,
00:32:18: dem Politik-Podcast aus Norddeutschland von der Friedrich-Ebert-Stiftung.
00:32:21: Danke euch, liebe Hörerinnen und Hörer. Und danke dir, liebe Laura.
00:32:25: Danke, Stine. Wir sprachen heute mit Laura Poth, der Vorsitzenden des DGB-Bezirks Nord.
00:32:30: Und Laura Poth seht ihr am 1. Mai auf der Straße in Kiel. Aber Demos finden
00:32:35: auch in vielen, vielen anderen Städten in Norddeutschland statt und das alles
00:32:38: könnt ihr auf der Webseite des DGB Nord sicherlich nachschauen.
00:32:41: Also alle raus zum 1. Mai.
00:32:44: Tschüss und bis zur nächsten Folge, sagt Stine Klapper von der Friedrich-Ebert-Stiftung.
00:32:48: Macht es gut und natürlich bleibt politisch.
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