Folge 93: „Was hat Kunst mit Demokratie zu tun, Dan Thy Nguyen?“

Shownotes

Kunst und künstlerische Freiheit sind ebenso abhängig von Demokratie und funktionierenden staatlichen Strukturen wie es auch umgekehrt der Fall ist. So zumindest unsere Arbeitshypothese für die neue Podcastfolge. Warum beide sich brauchen und gegenseitig auch bedingen, dem wollten wir nachspüren.

Dazu haben wir Dan Thy Nguyen zum Gespräch eingeladen: Der Hamburger Universalkünstler ist Theaterregisseur, Schauspieler, Sänger und Lyriker, vor allem aber auch Kurator unter anderem beim Hamburger Festival fluctoplasma. Warum er sich als Klempner im Kulturbetrieb versteht, ob er Kunst oder Politik wichtiger findet und was seiner Ansicht nach beide Sphären voneinander lernen könnten, das berichtet er in diesem Podcast.

Als Kind vietnamesischer Boat People erzählt er uns aber auch vom verheerenden Rassismus in seiner Kindheit, davon, was er von Geflüchteten aus Sarajevo über das Theater lernen durfte und was seinen Weg zum politischen Künstler sonst noch geprägt hat. Eine Folge, die es in sich hat. Also: Hört gerne rein!

Transkript anzeigen

00:00:02: Friedrichs Flaschenpost, der Politik-Podcast aus Norddeutschland von der Friedrich-Ebert-Stiftung.

00:00:07: Herzlich willkommen zu Friedrichs Flaschenpost, dem Politik-Podcast aus Norddeutschland

00:00:11: von der Friedrich-Ebert-Stiftung.

00:00:13: Wir sind heute schon bei Folge 93. Ich bin Christine Strotmann und sage Danke für dein Ohr.

00:00:19: Heute geht es in Friedrichs Flaschenpost wieder um große Fragen,

00:00:22: die wir aber charmanterweise auf vielen gesellschaftspolitischen Ebenen bewegen können.

00:00:27: Wir können lokal darüber sprechen, regional, national und natürlich auch global.

00:00:31: Nichts weniger als die Frage, was hat Kunst mit Demokratie zu tun,

00:00:35: wollen wir nämlich heute verhandeln.

00:00:37: Und die gebe ich natürlich einfach weiter an meinen Gast, Dan Thy Nguyen.

00:00:41: Herzlich willkommen, lieber Dan Thy. Danke, dass du dich dafür zur Verfügung gestellt hast.

00:00:45: Hallihallo, vielen Dank für die Einladung. Dan Thy, bevor wir mit diesen ganz

00:00:48: großen Fragen einsteigen, gebe ich dir noch eine Verschnaufpause.

00:00:52: Also nichts weniger als die großen Fragen, ich verstehe schon.

00:00:57: Aber wir verschnaufen noch ein bisschen. Ich stelle dich ganz kurz für diejenigen

00:01:00: Hörer und Hörerinnen vor, die dich vielleicht noch nicht kennen.

00:01:04: Außerdem ist es ja auch manchmal vielleicht schwierig, selbst zu erzählen,

00:01:07: was man alles so macht, vor allem in deinem Fall.

00:01:09: Du bist ja ein echter Allrounder, ein künstlerischer Allrounder.

00:01:13: Du bist Regisseur, Schauspieler, Essayist, Sänger und auch Lyriker.

00:01:18: Das unterschlägst du, glaube ich, sogar auf deiner eigenen Homepage. Das stimmt.

00:01:23: Und wenn man das so sagen kann, in meiner Perspektive bist du vor allem ein

00:01:27: Gestalter, also Kurator, Gestalter.

00:01:31: Seit 2020 leitest du jetzt schon gemeinsam mit deiner Kollegin das Hamburger

00:01:36: Festival Fluctoplasma.

00:01:38: Und außerdem, ich hoffe, das ist noch aktuell, bist du stellvertretender Vorstand

00:01:42: in der Landesarbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendkultur hier in Hamburg. Ja, das stimmt.

00:01:47: Das bin ich immer noch. Das bist du immer noch. Das heißt, du hast deine Finger

00:01:50: wirklich oder also du arbeitest wirklich in vielen Projekten an verschiedenen Stellen.

00:01:54: Und das sieht man ja schon bei der Landesarbeitsgemeinschaft auch wirklich an

00:01:59: der Verbindung, an den Schnittstellen zwischen Kunst, Kultur und auch Gesellschaft und Politik.

00:02:05: Ja, weil mir auch natürlich auch Kinderrechte total wichtig sind.

00:02:09: Es geht halt darum, wenn wir über Menschlichkeit sprechen, müssen wir auch über

00:02:13: Kinder sprechen. und deswegen ist es mir total wichtig da.

00:02:16: Wow, da müssen wir auch noch hinkommen. Aber vielleicht leiten wir das nochmal

00:02:21: ein bisschen anders her.

00:02:22: Jetzt habe ich dich vorgestellt, aber wenn du, vielleicht machen wir es aus

00:02:25: der Kinderperspektive.

00:02:26: Wenn deine Kinder, dein Kind oder deine Kinder? Ich habe zwei Kinder.

00:02:30: Zwei großartige Kinder.

00:02:32: Die wissen sicher genau, was du machst. Aber wenn andere Kinder fragen,

00:02:36: was machst du beruflich?

00:02:37: Wie erklärst du das? Also ich muss vielleicht eine Sache vielleicht auflösen,

00:02:41: weil meine Kinder wissen glaube ich nicht ganz genau, was ich mache.

00:02:45: Also es ist jedes Mal glaube ich so, aber Papa, was machst du eigentlich?

00:02:49: Komme ich auch selbst manchmal in Erklärungsnot. Und ich habe sehr häufig oder

00:02:54: sehr lange gesagt, ich fühle mich eher so wie eine Art Klempner im Kunst- und Kulturbetrieb.

00:03:00: Ich fühle mich wie ein Mensch, der dann kommt, wo ich das Gefühl habe,

00:03:05: da wird etwas gesellschaftlich gebraucht.

00:03:07: Und da werde ich auch meistens gefragt.

00:03:10: Heutzutage würde ich mich viel mehr gerade als Kurator bezeichnen.

00:03:15: Stand 2026 haben wir, oder?

00:03:18: Ja. Ja, also als ein Mensch, der versucht, verschiedene Menschen zusammenzubringen,

00:03:26: verschiedene Perspektiven zusammenzubringen, als ein Mensch, der versucht,

00:03:30: Demokratie multiperspektivisch nicht nur abzubilden, sondern zu fördern und

00:03:35: da eine gestalterische Macht zu entwickeln.

00:03:37: Aus dem Grund, dass ich davon überzeugt bin, dass wir eine multiperspektivische

00:03:42: Gesellschaft sind, darauf stolz sein sollten und dafür Zukunftspotenziale nicht

00:03:48: nur gestalten, sondern auch entfalten müssen.

00:03:51: An dieser multiperspektivischen Perspektive oder an diesem Kanon,

00:03:57: kann man vielleicht sogar auch sagen, erweiterten Kanon, arbeitest du selbst

00:04:00: ja auch aus sehr, sehr vielen Positionen heraus.

00:04:04: Vielleicht dröseln wir das mal kurz auf. Also Fluctoplasma habe ich kurz vorgestellt,

00:04:09: da müssen wir natürlich gleich noch ausführlicher auch drüber sprechen.

00:04:11: Du bist aber auch Geschäftsführer von Studio Marshmallow.

00:04:15: Was ist das? Das Studio Marshmallow ist ein Projektbüro.

00:04:19: Was lange Zeit sich der Frage gestellt hat, wie können wir im logistischen und

00:04:26: im Managementbereich, im Produktionsbereich Kultur gestalten,

00:04:30: auf einer multiperspektivischen Ebene.

00:04:32: Wir gehen mittlerweile, wir sagen jetzt, dass wir nicht mehr ein Produktionsbüro

00:04:37: sind per se, weil wir jetzt wirklich auch ein Weiterbildungszentrum geworden sind.

00:04:41: Wir sind ein Ort, wo wir kuratieren und Workshops anbieten für diese,

00:04:47: ich nenne so, Multiperspektive und multiperspektivische Produktion.

00:04:51: Also Gestaltungskraft, aber auch die Frage, wie kriegen wir es hin.

00:04:56: Internationale und ich nenne es mal regionale Ebenen gleichzeitig miteinander

00:05:00: zu verhandeln auf gleichberechtigter Ebene.

00:05:03: Um das vielleicht ein bisschen handfester zu machen, was ist denn zum Beispiel

00:05:07: ein Workshop und wer kommt da?

00:05:08: Wir haben zum Beispiel gestern, glaube ich, war das gestern?

00:05:11: Ja, ich glaube, gestern haben wir einen Workshop angeboten für die Hochschule für Musik und Theater.

00:05:15: Und die Frage von Face Negotiation Theory, die Frage, wie kriegen wir soziale

00:05:21: Integrität bewahrten Konfliktsituationen auf internationaler Ebene.

00:05:25: Das gleiche oder ähnliche Sachen machen wir auch mit der Elbphilharmonie.

00:05:29: Wir machen Beratungsebenen für zum Beispiel das Altona-Museum.

00:05:34: Die Frage, wie können betroffene rechter Mord, Brand und Terroranschläge gemeinsam

00:05:39: mit Institutionen agieren, ohne dass die soziale Integrität und die menschliche

00:05:44: Würde auf beiden Seiten übertreten wird.

00:05:46: Wow, das stelle ich mir tatsächlich in der Aushandlung auch gar nicht so einfach vor.

00:05:51: Ja, da gibt es wahrscheinlich auch keine einfachen Antworten drauf,

00:05:55: deswegen die Workshops.

00:05:57: Ich merke aber auch, dass das ein bisschen mit dem Fluctoplasma natürlich auch...

00:06:03: Fluctoplasma. Es ist ein total bescheuerter Name, Fluctoplasma,

00:06:08: ich weiß. Und der Name ist...

00:06:11: Nicht ohne Grund, also Fluctoplasma ist das Festival in Hamburg,

00:06:14: 96 Stunden Kunst, Diskurs, Diversität, Demokratie, Multiperspektivität und so weiter und so fort.

00:06:20: Und der Name ist ein bisschen Gaga, das verstehe ich.

00:06:23: Es basiert aber auf zwei Ebenen. Einerseits auf die fluide Stadtgesellschaft,

00:06:28: da sind wir sehr stark durch Zygmunt Baumann, also ich habe Soziologie studiert

00:06:32: und Islamwissenschaften, also Soziologie, die moderne Stadtgesellschaft,

00:06:36: die fluide Gesellschaft,

00:06:38: bin ich enorm beeinflusst von dem Gedanken.

00:06:40: Und das Plasma, das ist eigentlich auch das Gründungsteam, das Gründungsteam

00:06:46: des Fluctoplasma hat gesagt,

00:06:48: also Iraklis Panagiotopoulos, einer der GründerInnen, hat gesagt,

00:06:52: okay, wenn wir Flucht so nehmen als Anfangsbegriff, das geht nicht,

00:06:56: das ist Lateinisch, wir brauchen was Griechisches, wir nehmen jetzt Plasma als Substanz und Energie.

00:07:02: Und dann haben wir gesagt, okay, gut, dann haben wir eben halt eine Frage,

00:07:05: wie wird Kunst und Demokratie auf europäischer Ebene ausgehandelt?

00:07:10: Nehmen wir doch eben halt Latein, Griechisch und wir haben in dem Gründungsteam

00:07:14: Leute mit griechischen Backgrounds, chinesischen Backgrounds und vietnamesischen

00:07:18: Backgrounds. That's perfect.

00:07:20: Und so haben wir angefangen. Und vielleicht ist das die Ebene,

00:07:24: was ist überhaupt Fluctoplasma? Fluctoplasma ist mittlerweile ein Festival.

00:07:29: Wir arbeiten gerade an unserer siebten Ausgabe und wir stellen uns die Frage

00:07:34: einerseits auf der Ebene, wie kriegen wir künstlerischen Nachwuchs hergestellt

00:07:39: in der Form von politisch-demokratischer,

00:07:43: multiperspektivischer Kunst und wie wird es ästhetisch und intellektuell ausgehandelt?

00:07:47: Und wir haben eine zweite Ebene, jedes Jahr eine Art Kongress,

00:07:53: in der wir uns der Frage stellen, wie kriegen wir mit den Konfliktspannungsfeldern

00:07:58: einer multiperspektivischen Demokratie um.

00:08:01: Auch nichts weniger als das, absolut. Ich wollte es herleiten,

00:08:05: weil ich finde bei euch eine Sache so interessant oder auch bei dir persönlich,

00:08:10: aber natürlich auch, du arbeitest ja in Kollektiven, du bist ganz klassisch

00:08:14: kein Einzelkämpfer, sondern wirklich

00:08:16: jemand, der in vielen verschiedenen Zusammenhängen ja auch unterwegs ist.

00:08:19: Und mir fällt besonders immer auf, dass an einer Stelle, wo ich manchmal glaube,

00:08:24: wir gesellschaftlich noch,

00:08:26: bei Containern sind, also vielleicht auch bei wohlmeinenden Containern,

00:08:30: also dass Menschen oder sagen wir Schubladen,

00:08:32: dass Menschen einsortiert sind, sich vielleicht auch selbst einsortieren und

00:08:37: das ja auch auf Wohlmeinend, da geht es ja auch oft um Minderheitenschutz,

00:08:40: um Minderheitenrechte und auf der anderen Seite habe ich den Eindruck,

00:08:44: du bist uns allen schon einen Schritt voraus und versuchst das stärker aufzubrechen.

00:08:48: Also das, was du sagst, wie können die Leute miteinander gut an diesen Projekten

00:08:53: arbeiten, sodass es aber für beide Seiten auch gut passt.

00:08:57: Also so, dass jeder sich dabei wohlfühlen kann, dass zum Beispiel Betroffene

00:09:03: von rassistischer Gewalt nicht nur Betroffene von rassistischer Gewalt sind

00:09:07: und vielleicht auch nicht nur in dieser Opferkategorie sind.

00:09:11: Also vielleicht einmal die Ebene, ich weiß gar nicht, ob ich so viel weiter bin.

00:09:15: Ich glaube nämlich nicht, denn mittlerweile lese ich sehr viel Literatur,

00:09:19: die in den 60er, 70er Jahren halt entstanden ist und lerne da enorm viel davon gerade.

00:09:25: Woran ich glaube, ich bin, ich bin sehr geprägt durch, ich nenne es mal,

00:09:31: was Mafaalani zum Beispiel sagt, das Integrationsparadox.

00:09:34: Also wir werden in dem Moment, in dem wir alle versuchen, eine Augenhöhe zu

00:09:39: produzieren, entsteht plötzlich Streit, weil wir uns alle auf Augenhöhe begegnen.

00:09:45: Und ich glaube, der Streit und der Konflikt ist eine Form von Integration.

00:09:53: Weil wir dann uns der Freiheit, dass ich meine Meinung frei äußern darf,

00:09:58: auf Augenhöhe plötzlich eben halt Gebrauch nehme.

00:10:02: Und ich glaube, die meisten Theorien und Arbeiter hören da auf.

00:10:07: Die sagen so, aber wir haben doch Augenhöhe geschaffen.

00:10:10: Warum streiten wir uns? Und ich glaube, da steckt es meiner Meinung nach ein Problem.

00:10:18: Ein Problem ist, dass wir versuchen, infrastrukturell auf menschlicher Ebene

00:10:23: zu antworten, uns nicht.

00:10:26: Aber wenn diese Infrastruktur, die komplett richtig ist, aufgebaut wird,

00:10:30: haben wir noch keine Methoden und Werkzeuge, die uns helfen,

00:10:34: wenn wirklich sehr, sehr unterschiedliche Perspektiven aufeinander clashen, die auszuhandeln.

00:10:39: Ich glaube, es fehlt eine Theorie, wie kriege ich Streit und Konflikt hin,

00:10:48: die gleichzeitig das Gesicht bewahrt, um soziale Integrität und soziale Würde Ausdruck zu verleihen.

00:10:56: Wenn wir zum Beispiel auf einer institutionellen Ebene achten,

00:10:59: zum Beispiel ein Museum oder ein Theater möchte mit Betroffenen in rechter Gewalt sprechen.

00:11:05: Dann wird häufig Augenhöhe behauptet oder beziehungsweise es wird etwas infrastrukturell

00:11:11: geschaffen, ein Gremium, ein Beirat oder sonst irgendetwas und dann treffen sich die Menschen.

00:11:16: Auf einer unsichtbaren Ebene schwingen aber trotzdem Machtgefälle die ganze Zeit mit.

00:11:23: Auch wenn wir behaupten es, wir wären gleich. Aber das sind wir in dieser Form nicht.

00:11:28: Denn auf der institutionellen Ebene wurde jetzt in dem Bereich,

00:11:33: wo ich arbeite zum Beispiel, eben halt nicht das Haus abgefackelt.

00:11:36: Wurden FamilienmitgliederInnen eben nicht umgebracht.

00:11:39: Und diese Ungleichheit wird immer bestehen bleiben.

00:11:43: Und auf der anderen Seite wird auch dieses Ding, jetzt sind wir doch auf gleicher

00:11:48: Ebene, gleicher Ebene, warum werde ich nicht auf gleicher Ebene auch monetär

00:11:53: betrachtet, wird es auch nicht geben.

00:11:57: Und deswegen glaube ich, in dieser Form sind wir eigentlich auf einer Theaterbühne.

00:12:02: Wir sind eigentlich, wenn wir auf Augenhöhe sprechen, eigentlich auf einer Theaterbühne,

00:12:08: wo bestimmte Dramaturgien behauptet werden, aber unsichtbar real ist etwas anderes.

00:12:14: Und da müssen wir hinschauen und da versuchen, ehrlich zu sein,

00:12:18: dass es diese Unsichtbarkeiten gibt, diese Machtgefälle und versuchen,

00:12:22: Methoden zu finden, dass wir trotzdem Formen finden, dass wir trotzdem miteinander kommunizieren,

00:12:27: denn das werden wir nicht komplett als Institutionen oder auch als Einzelpersonen,

00:12:32: AkteurInnen nicht auflösen.

00:12:34: Und darin agieren wir. Wir agieren und das ist wirklich nicht einfach,

00:12:38: aber ich glaube, das ist total wichtig, dass wir das offen benennen.

00:12:43: Vielen Dank, ja. Es ist ja irgendwie auch so offenkundig, weil klar,

00:12:46: die einen sitzen am Tisch,

00:12:48: die sind festangestellt vielleicht in einer Institution, die haben sich für

00:12:52: diesen Beruf entschieden, die haben ein wichtiges Thema, ich sag mal identifiziert,

00:12:57: also das Thema ist ja schon da.

00:12:58: Und dann kommen natürlich auf der anderen Seite Menschen, die machen das vermutlich

00:13:02: mehrheitlich in ihrer Freizeit und die sind eigentlich überhaupt nicht freiwillig

00:13:06: im klassischen Sinne da, weil dass sie überhaupt in dieser Position sind,

00:13:09: das ist ja vollkommen unselbstverschuldet. Also sie wurden ja zu Betroffenen gemacht.

00:13:13: Ja, und das haben wir bei Betroffenen von Antisemitismus, Rassismus,

00:13:19: anderen Formen von Diskriminierung, Queer, Behinderung, alles Mögliche.

00:13:23: Und das ist genau der wesentliche Unterschied, den du gerade gesagt hast.

00:13:28: Die eine Ebene hat es aus freiwilliger Position und auch aus einer machtvollen

00:13:33: Position selbst entschieden und die anderen wurden dazu gemacht.

00:13:38: Und das ist etwas, was ich glaube, was in vielen Diskussionen,

00:13:43: wenn wir über Gleichberechtigung, Gleichstellung sprechen, einfach schief läuft.

00:13:47: Dass dieses unsichtbare Machtgefälle nicht benannt wird.

00:13:53: Ja, vielen Dank. Das klingt auf jeden Fall nach einer spannenden,

00:13:56: auch nach einer aufreibenden Arbeit.

00:13:58: Du bist aber ja jemand, das hören vielleicht die Hörerinnen und Hörer auch,

00:14:01: ich sehe das ja, du bist trotzdem bei all dem immer so ein optimistischer,

00:14:07: glaube ich, oder zumindest fröhlich wirkender Mensch an vielen Stellen.

00:14:12: Und wir haben uns ja schon vor einer Weile kennengelernt bei einer Podiumsdiskussion.

00:14:16: Wir haben ähnliche Themen verhandelt.

00:14:18: Also es ging darum, sind wir jetzt eigentlich in einer postmigrantischen Gesellschaft.

00:14:22: Und wir haben aber natürlich auch viel über Rassismus innerhalb der deutschen

00:14:25: Gesellschaft dort gesprochen.

00:14:26: Und ich war sehr beeindruckt davon, wie du es schaffst, trotz alledem optimistisch

00:14:33: und ja auch mit Tatkraft, sage ich mal, diesen etwas alten, altmodischen Begriff,

00:14:39: aber da auch gegenzusteuern.

00:14:40: Ich würde jetzt auch mal kurz, bevor wir noch weiter eintauchen,

00:14:45: die Chance nutzen, dass wir dich noch ein bisschen näher kennenlernen.

00:14:48: Und da steigen wir bei unserem Podcast immer ein mit Friedrich fragt.

00:14:52: Ganz klassisches Kaffee-Tee-Prinzip. Ich stelle spontan Kaffee-Tee-Fragen,

00:14:57: die du spontan beantwortest.

00:14:59: Bitte nur mit einem Wort, wenn möglich. Okay.

00:15:03: Wir bereiten uns vor. Dan Thy, also um dich kurz kennenzulernen.

00:15:07: Wärest du nicht Künstler geworden?

00:15:10: Wärest du lieber Lehrer oder Beamter in einer Behörde? Lehrer.

00:15:15: Wenn du entscheiden könntest, würdest du östlich oder westlich der Alster leben? Mitte.

00:15:23: Ich weiß es nicht. Ich wäre gerne auf einer Insel auf der Alster.

00:15:27: Auch eine charmante Idee. Wir denken darüber nach.

00:15:31: Bist du jemand, der nach Feierabend lieber noch ein Buch liest oder sich mit

00:15:35: Freunden zusammenhockt?

00:15:36: Manchmal das, manchmal das. So geht entweder oder nicht. Aber gut.

00:15:41: Wir machen noch einen Norddeutschland-Klassiker. Bist du Nordsee- oder Ostsee-Fan?

00:15:45: Ostsee. Wenn Fluctoplasma nicht mehr stattfinden würde, würdest du als nächstes

00:15:50: ein Theaterfestival machen oder ein Musikfestival?

00:15:53: Ein Musikfestival. Wenn dich jemand

00:15:55: fragen würde, was ist aus deiner Sicht relevanter, Politik oder Kunst?

00:16:00: Politik und es tut mir gerade weh, das zu sagen.

00:16:04: Das kann ich gut verstehen. Und eine letzte Frage noch zum Abschluss,

00:16:10: einen einfachen Rausschmeißer, Kaffee oder Tee?

00:16:13: Kaffee. Dan Thy, dann haben wir dich jetzt mal auf eine etwas leichtere Ebene

00:16:18: nochmal ein bisschen persönlicher kennengelernt.

00:16:21: Wissen jetzt, dass auch du meiner Auffassung teilst, dass Politik schon mit

00:16:26: das Wichtigste ist, um unser Gemeinleben zu gestalten.

00:16:29: Ich würde gerne noch ein bisschen mit dir über deine Geschichte sprechen.

00:16:32: Also wie bist du dahin gekommen, wo du heute bist?

00:16:34: Du kommst ja wie ich aus Nordrhein-Westfalen. Du kommst aus Düren und bist dort

00:16:38: Anfang, Mitte der 80er geboren.

00:16:41: Deine Eltern sind vietnamesische Boat People.

00:16:44: Vielleicht muss ich noch eine Sache sagen. Ich schreibe meistens Düren,

00:16:47: weil ich da zur Schule gegangen bin.

00:16:49: Aber ich bin eigentlich in Langewehe aufgewachsen.

00:16:52: Es ist also 10 Kilometer, 12 Kilometer vor Düren.

00:16:56: Da wollen wir noch genauer sein. Das spielt ja durchaus auch eine Rolle.

00:17:00: Das heißt, du bist in einem sehr kleinen Ort aufgewachsen. Ja,

00:17:03: genau. Und deine Eltern sind dahin geflohen, waren Ausländer.

00:17:09: Und wie war das für dich als Kind da aufzuwachsen? Vielleicht auch anders zu sein?

00:17:14: Warst du eines der wenigen Kinder dort vor Ort, die vielleicht ein bisschen

00:17:16: anders waren als die anderen, deren Familiengeschichte eine andere war,

00:17:20: die anders aussahen vielleicht?

00:17:22: Also als Bootsgeflüchtete waren wir erst einmal in einer Erstaufnahmeeinrichtung

00:17:29: in nochmal noch ganz, ganz viel, ganz, ganz kleinerem Dorf Wehau.

00:17:34: Und dann bin ich aufgewachsen in Langerwehe, erst einmal in einer Sozialwohnung

00:17:40: oder Asylbewerberheim. Bin dann, glaube ich, jetzt muss ich wirklich darüber

00:17:45: nachdenken, war ich acht oder zwölf? Ich glaube acht.

00:17:47: Ich war acht Jahre, als ich erst deutsche Staatsbürger geworden bin.

00:17:50: War vorher staatenlos, weil die Sozialistische Republik Vietnam nicht anerkannt

00:17:56: hat, dass Menschen vor dem Sozialismus geflohen sind.

00:17:59: Uns galt damals als staatenlos und bin dann mit meiner Familie deutscher Staatsbürger geworden.

00:18:11: Habe aber auch sehr früh, auch genau in der Zeit war das ein großes Problem.

00:18:16: Ich bin ja dann in den 90er Jahren, in den 80ern geboren, in den 90er Jahren

00:18:20: sehr stark sozialisiert.

00:18:22: Da war ich auch sehr stark in den westdeutschen Baseballschläger-Jahren.

00:18:25: Und es war einfach sehr damit verbunden, sich auf der Straße stellenweise zu verteidigen.

00:18:33: Also wir hatten meine Lieblings verteidigungsaktionen.

00:18:39: Das war noch ein bisschen auch verbunden mit den 90er Jahren,

00:18:42: die ein bisschen naiver war, so zu tun, als könnte ich Kung Fu.

00:18:45: Aber auch gleichzeitig hatten wir immer Eisenstangen oder andere Geräte in jedem Ort im Haus versteckt,

00:18:57: falls die Neonazis kommen und uns angreifen würden.

00:19:01: Du hast jetzt, ich hoffe, ehrlicherweise ja nur die krassesten Erlebnisse oder

00:19:06: Begegnungen geschildert.

00:19:08: War dieses Anderssein, rassifiziert werden im Alltag ein großes Thema?

00:19:13: Also war das ein großes Thema in der Schule? Also absolut war das ein großes Thema.

00:19:17: Ich würde einfach mal so sagen, wenn abends vor deinem Haus Menschen hupen und

00:19:23: schreien Ausländer raus, wenn Hundekot an deine Hauswand und Türe verschmiert

00:19:28: wird, wenn du auf der Straße bespuckt wirst,

00:19:32: das ist etwas, was mich enorm geprägt hat.

00:19:36: Und dann innerhalb dieser Zeit nicht nur runterzuschlucken und zu sagen,

00:19:41: ich schaue jetzt auf den Boden und fühle mich mit dieser Opfer-Ebene,

00:19:45: also ich sage, ich bin jetzt Opfer, sondern zu schlucken, aber trotzdem das

00:19:50: Gesicht hochzuhalten und zu sagen,

00:19:53: aber ich bin trotzdem ein Mensch und ich werde etwas machen.

00:19:57: Das ist etwas, was mich massiv geprägt hat in meiner Jugend. Und gab es Menschen.

00:20:02: Bei denen du auch, also ich habe vorhin von deinem Optimismus gesprochen,

00:20:06: der dich so quasi auch umgibt und ich möchte das natürlich damit auch nicht

00:20:12: irgendwie relativieren, aber gab es in deiner Umgebung auch Menschen,

00:20:15: wo du gesagt hast, gedacht hast, gesagt hast,

00:20:18: Mensch, aber die machen es richtig, die gehen gut damit um, also auch außerhalb

00:20:23: der Familie vielleicht Unterstützungsstrukturen, wo du gesagt hast,

00:20:26: nee, also sind nicht alle schlecht.

00:20:28: Also ich würde sagen, ich hatte einfach zwei, drei fantastische LehrerInnen,

00:20:33: die mir Mut gegeben haben.

00:20:35: Ich glaube auch, ein wesentlicher Lernprozess, den ich hatte,

00:20:39: war, also ich bin ja, wie gesagt, in NRW aufgewachsen, dann sind wir nach Köln gefahren.

00:20:43: Ich glaube, es heißt das LD-Haus, also das ist die ehemalige Gestapo-Zentrale.

00:20:49: Ich bin halt ein Mensch, meine Familie ist nicht deutsch sozialisiert.

00:20:53: Ich musste wirklich die deutsche Vergangenheit wirklich komplett lernen. Also wie aus einem Buch.

00:21:00: Und diese Auseinandersetzung mit meinem damaligen Geschichtslehrer,

00:21:05: dieses Miteinander sprechen und dann aber sozusagen, dass er mich als Jugendlicher

00:21:10: wahrgenommen, nicht nur wahrgenommen hat, sondern als Gleicher gesehen hat.

00:21:13: Und mit all meinen damals noch Lücken, das fand ich ganz großartig.

00:21:17: Als es eine zweite Ebene war, aufgrund der Jugoslawien-Kriege,

00:21:21: hatte ich ein unglaubliches Glück gehabt.

00:21:25: Innerhalb dieser enormen Tragik und Dramatik und des Unrechtes,

00:21:29: dass ich Geflüchtete treffen konnte aus Sarajevo.

00:21:33: Und mit denen ich mich auseinandersetzen konnte, wie gehen wir mit Trauma um.

00:21:38: Und dass ich das geschafft habe, gemeinsam mit den Menschen,

00:21:43: die auch geflohen sind, eine Sprache zu entwickeln, wo wir über das Unsagbare sprechen.

00:21:51: Ja, Leid sprechen konnten, auch durch Musik oder durch Lyrik oder so.

00:21:57: Das war für mich total wichtig, dieser europäische Austausch über Trauma.

00:22:03: Das hat mich enorm beeindruckt. Vielen Dank, damit hast du ja auch schon ein

00:22:08: bisschen meine nächste Frage vorweggenommen.

00:22:10: Wenn ich deine Geschichte höre, dann fände ich es total naheliegend,

00:22:13: dass du dich mit eben diesen Themen nicht mehr beschäftigen wollen würdest.

00:22:17: Dass du sagen würdest, Mensch, ich ziehe in eine große Stadt,

00:22:21: hoffe, dass es da sehr viel besser ist oder zumindest nicht mehr ganz so schlimm,

00:22:24: hoffe, dass ich da so ein bisschen, in der Anonymität der Großstadt fühlen sich ja viele Menschen.

00:22:30: Auch wohl die aus verschiedensten Gründen anderswo diskriminiert werden,

00:22:34: ausgegrenzt werden, angegriffen werden und dann ziehe ich mich jetzt zurück in meine Kunst.

00:22:39: Und das fände ich auch total verständlich, ganz menschliche Reaktion.

00:22:42: Habe ich mir auch zwischendurch gemacht. So ist es nicht.

00:22:46: Ich glaube so, was aber vielleicht eine Sache ist, die Frage der Wahlmöglichkeit.

00:22:52: Zu sagen, ich ziehe mich zurück, bedeutet ja, dass ich eine Wahl gehabt hätte.

00:22:58: Und ich glaube, diese Wahl hat man nur stufenweise. Also sich dem Rassismus

00:23:05: komplett zu entziehen, geht nicht in einer Gesellschaft, wo Rassismus noch ein riesiges Thema ist.

00:23:12: Oder Klassismus. Ich bin aus einer geflüchteten Familie, meine Eltern, seine Arbeiterinnen.

00:23:17: Aus dem kann ich mich nicht entziehen. Bis heute in der Kunstwelt habe ich das Problem,

00:23:23: dass ich manchmal bestimmte Dinge etwas anders mache und vielleicht nicht mit

00:23:27: gewissen, ich meine so kulturtheoretischen Thesen halt unterlege,

00:23:31: sondern ich einfach mit einem anderen Habitus an bestimmte Dinge herangehe,

00:23:36: was mir sehr häufig geholfen hat, aber auch sehr viele Türen versperrt hat.

00:23:40: Und ich glaube, ich würde sagen, wir können uns leider dem nicht komplett entziehen.

00:23:46: Und die Frage ist, nehme ich es an als ein Teil meiner Lebensrealität oder arbeite ich mich daran ab,

00:23:54: Zu sagen, das gibt es vielleicht nicht so, wie ich es mir wünsche,

00:23:58: diese Freiheit, die ich mir wünsche.

00:24:00: Und ich glaube, das ist so die Frage, nehme ich mich an,

00:24:04: als Mensch in dieser kompletten Welt und mit der Rolle,

00:24:10: in der ich gerade bin und nehme an, dass ich nicht alles komplett lösen kann

00:24:16: und bin Teil vielleicht davon, etwas zu gestalten oder versuche ich es an,

00:24:21: ein glückliches Leben zu führen.

00:24:22: Und die Frage ist, da jedem Menschen frei gestellt und frei ist es zu beantworten.

00:24:32: Und innerhalb dieser Unfreiheit, die ich habe, ist das meine freie Antwort.

00:24:38: Du bist ja dann auch in die Kunst und hast die ja auch von Anfang an,

00:24:44: würde ich sagen, also frage ich dich jetzt lieber mal, du bist eine Weile zur

00:24:47: Schauspielschule gegangen und ich habe den Eindruck, deine Kunst war von Anfang

00:24:51: an gesellschaftspolitisch oder zumindest das, was öffentlich wahrgenommen wurde.

00:24:56: Das ist natürlich auch immer die Frage, ab wann man sozusagen nach draußen geht

00:25:00: und da wahrgenommen wird.

00:25:01: War das auch dann dein Anspruch oder hast du das gar nicht bewusst gesetzt?

00:25:06: Also ich glaube, wie gesagt, wenn man so 18 oder 19 Jahre alt ist,

00:25:11: ich hatte das große Privileg, muss ich heute sagen,

00:25:15: dass ich meine erste Schauspielausbildung gehabt hatte mit Menschen,

00:25:20: die vor Krieg geflohen sind.

00:25:22: Also meine erste, ich nenne es mal soziokulturelle, also meine Eltern wollten

00:25:27: natürlich nicht, dass ich Künstler werde.

00:25:30: Das ist vollkommen klar. Also so viele Eltern sagen so, willst du wirklich diesen Weg gehen?

00:25:35: Es ist wirklich unsicher. Und auch ich muss wirklich sagen, wenn meine Kinder

00:25:39: das sagen würden, müsste ich, glaube ich, auch schlucken.

00:25:42: Das ist so, auch wenn ich diesen Weg jetzt gegangen bin.

00:25:46: Aber als ich entschieden habe, dass ich eigentlich...

00:25:51: Nur einmal was anderes machen möchte, außerhalb des normalen,

00:25:56: für mich bestimmten konservativen Lebens einer Berufslaufbahn,

00:26:01: sondern ich möchte was soziokulturelles in ein soziokulturelles Projekt reingehen,

00:26:05: hatte ich das Glück gehabt, dass Menschen da waren,

00:26:09: die aus Sarajevo waren und es mir wirklich Theaterformen für ein armes Theater,

00:26:14: Grotowski, Stanislavski, alles das mir beigebracht haben.

00:26:18: Ganz viel, was ich in der deutschen Theaterwelt dann später gar nicht mehr so

00:26:24: in dieser Intensität lernen konnte. Ja, habe ich lernen dürfen.

00:26:29: Und als ich dann auf die Schauspielschule gekommen bin, hat mir das alles enorm gefehlt.

00:26:34: Was bedeutet es, Theater zu machen und kein Geld zu haben, für ein armes Theater zu arbeiten?

00:26:40: Was bedeutet es, wirksam zu sein in einer Gesellschaft mit Kunst,

00:26:45: die außerhalb des individuellen Ausdrucks sich verortet?

00:26:51: Und das hat mich enorm unglücklich gemacht. Es hat mich enorm unglücklich gemacht,

00:26:55: weil damit war ich plötzlich zwei, drei Jahre, ja, ich wusste,

00:26:59: es gab was anderes. Ich habe dann abgebrochen und ich habe dann Islamwissenschaften

00:27:03: ja studiert und Soziologie.

00:27:06: Und das habe ich intellektuell gebraucht.

00:27:09: Ich habe das wirklich gebraucht, habe aber gemerkt, dass ich als Mensch die Kunst gebraucht habe.

00:27:16: Ich habe den individuellen Ausdruck als einen Ausdruck der Menschenwürde, den habe ich gebraucht.

00:27:26: Ich konnte nicht, ich konnte nicht in der Bibliothek nur sitzen.

00:27:30: Und das hat mich in eine weitere Krise gestürzt und habe dann einfach gesagt,

00:27:35: Gut, dann muss ich beides miteinander verbinden, ansonsten werde ich nicht glücklich.

00:27:42: Du machst ja seitdem, auch wenn du es sicher nicht, oder ich vermute nicht drauf schreiben

00:27:47: würdest, das, was ich als politische Kunst wahrnehme.

00:27:50: Also 2014, ich glaube, da hattest du so ein bisschen auch deinen Durchbruch, sage ich mal.

00:27:55: Damit wurdest du mindestens national bekannt mit dem Theaterstück Sonnenblumenhaus

00:27:59: über Rostock-Lichtenhagen oder die Geschehnisse in Rostock-Lichtenhagen.

00:28:05: Das du geschrieben hast?

00:28:07: Beziehungsweise ich habe es nicht geschrieben. Also beziehungsweise natürlich

00:28:10: ist es die Frage von Autorenschaft in einer Frage, weil ich sehr in dieser Zeit

00:28:15: durch dokumentarisches Theater enorm beeinflusst wurde und Oral History.

00:28:20: Also ich habe sozusagen die Dramaturgie

00:28:23: gemacht, indem ich Zeitzeug in den Berichten zusammengesetzt habe.

00:28:28: Also das ist mir wichtig in diesem Moment zu sagen, dass ich da nichts geschrieben

00:28:31: habe in dem Moment. Ich habe es zusammengebaut.

00:28:36: Für jemanden, der eher von der Konsumentin-Seite kommt, also ich bin jemand,

00:28:40: der Kunst konsumiert, auch wenn das ein blöder Begriff ist, aber letztlich ist es das ja so.

00:28:45: Man kann auch sagen, ich setze mich dem immer mal wieder aus und ich habe oft

00:28:49: eine große Diskrepanz, wenn ich bei, ich bin, das kennt, glaube ich,

00:28:54: jeder, ein tolles Kunsterlebnis und das können ja ganz unterschiedliche Formen sein.

00:28:58: Das kann ein Film sein, ein Theaterstück, also wirklich die Formen sind ja endlos möglich ausgesucht.

00:29:03: Und dann habe ich so das Gefühl, ich bin jetzt vielleicht ein bisschen aufgerüttelt,

00:29:07: manchmal habe ich auch das Gefühl, Mensch, da hat jemand so etwas Ähnliches

00:29:10: gedacht wie ich und das kann auch manchmal sich auch sehr gut anfühlen.

00:29:14: Manchmal hat jemand was ganz anders

00:29:16: gedacht als ich und dann habe ich aber zumindest Stoff zum Nachdenken.

00:29:19: Und dann geht man raus aus diesem Saal und dann ist man in der echten Welt.

00:29:24: Und da spielt dann so, ich sage mal, auch ein bisschen das Klein-Klein der täglichen

00:29:30: auf uns einströmenden Nachrichten, der politischen Entscheidungen,

00:29:34: die es zu treffen gilt und so weiter.

00:29:36: Das stürzt dann wieder so auf einen ein, ohne dass ich die Entscheidungen treffen

00:29:39: würde, in der Beschäftigung damit.

00:29:41: Und manchmal denke ich, das sind einfach getrennte Sphären und ich bringe die kaum zusammen.

00:29:46: Und ich glaube, mir geht es ähnlich bei sehr vielen Sachen.

00:29:50: Und es gibt eine Ebene, wo ich mir gerade in den letzten Wochen viele Gedanken mache.

00:29:56: Ich glaube, in Europa und gerade weil wir in Deutschland leben,

00:30:01: fehlt es an einer Kultur, über Demokratie und Kultur leidenschaftlich zu sprechen.

00:30:06: Und dieses Erkämpfen um Leidenschaft für Kultur und für Demokratie in der Gleichzeitigkeit

00:30:16: zu sprechen, in der Gleichzeitigkeit, das ist, glaube ich, total wichtig,

00:30:20: um uns als ein kulturelles und demokratisches Wesen zu verstehen und zu agieren.

00:30:24: Ich glaube, diese Diskrepanz von kulturellen Codes, die wir in der Kulturwelt leider haben manchmal,

00:30:34: um auch als professionell wahrgenommen zu werden,

00:30:37: auch als Mensch mit Integrität in diesem Berufsfeld wahrgenommen zu werden,

00:30:46: führt zu einer enormen Entfremdungsebene, zu den alltäglichen Dingen, die wir haben.

00:30:52: Und ich würde auch sagen, es gibt eine Form von...

00:30:58: Kulturpolitischer oder politischer Hybris in der Kunst, dass nur weil wir Kunst

00:31:03: machen, das Politische verstehen.

00:31:05: Und es gibt einige Menschen, die das von sich sehr behaupten würden.

00:31:11: Und manchmal wünschte ich mir, es gäbe etwas mehr politische Tiefe in der Kunst.

00:31:18: Und ich wünschte mir manchmal in der Politik mehr menschliche Tiefe,

00:31:23: die es in der Kunst gibt. Also eine gute Kombination aus beidem.

00:31:29: Es sind ja jetzt auch das als Frage formuliert, ich vermute es sind keine guten

00:31:35: Zeiten für Künstler und Künstlerinnen.

00:31:37: Was würdest du darauf antworten?

00:31:40: Also die Frage, also es gab nie eine gute Zeit für KünstlerInnen,

00:31:43: wenn man sich Historisches anschaut.

00:31:46: Und ich glaube aber auch, es gibt einen Ausdruck, möchtest du wissen,

00:31:51: wie die Gesellschaft gerade funktioniert, schau auf die KünstlerInnen.

00:31:54: Wir sehen gerade einen massiven Abbau von Kunstförderung bei allen Gebieten,

00:32:04: die es um Kinder- und Jugendkultur geht, Diversität und so weiter und so fort.

00:32:08: Das bedeutet, wir haben eigentlich keinen, zum Beispiel in Bundesländern wie

00:32:14: Berlin haben wir eine Kürzung,

00:32:21: aber innerhalb der Kürzung gibt es überproportional Gebiete,

00:32:25: wo überproportional gekürzt wird.

00:32:27: Und ich würde das genau sagen, wir haben vielleicht keine gute Zeit für die

00:32:33: Kunst, die sich politisch engagiert.

00:32:35: Wir haben keine gute Zeit für die Kunst der sogenannten marginalisierten.

00:32:40: Wir haben keine gute Zeit für Kunst der ArbeiterInnen.

00:32:44: Wir haben aber eine gute Zeit vielleicht, das ist jetzt These,

00:32:49: für internationale Kontexte, die vielleicht uns wirtschaftlich voranbringen

00:32:54: oder des klassischen europäischen Kanons.

00:32:58: Dadurch würde ich sagen, symbolisiert dies ein Rückzug aus progressiven Bereichen

00:33:07: und hin zu einer sehr starken, ich nenne es mal,

00:33:11: Verengung eines Kunstbegriffes.

00:33:15: Dass gesellschaftliche Vielfalt,

00:33:17: gesellschaftlicher Zusammenhalt keine direkte Aufgabe der Kunst ist.

00:33:21: Und was ich sagen würde, damit schneidet man sich ein bisschen die Schönheit von Kunst ab.

00:33:29: Ich würde vielleicht auch sagen, was denn sonst? Was kann sonst die Aufgabe

00:33:33: von Kunst sein, wenn nicht auch immer wieder verschiedene Perspektiven aufzumachen?

00:33:37: Ich glaube, es gibt einen Punkt. Es gibt einen Punkt, den, glaube ich.

00:33:44: Die konservative Herangehensweise an dem Kunstbegriff, die finde ich auch stimmig.

00:33:50: Und ich glaube, da müssen wir auch als, ich nenne es mal, Linke oder Liberale

00:33:56: Künstlerinnen auch mal ein bisschen darüber sinieren.

00:33:59: Und das ist die Ebene, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt nur funktionieren

00:34:06: kann, indem der individuelle Ausdruck gestärkt wird gleichzeitig.

00:34:12: Die Frage von, wir können nur als Gesellschaft funktionieren,

00:34:16: als demokratische Gesellschaft funktionieren,

00:34:20: wenn wir individuell die menschliche, individuelle, persönliche Würde auch ausleben

00:34:26: können in aller Freiheit.

00:34:29: Es gibt aber keine individuelle Freiheit,

00:34:35: wenn es nicht, wenn die unsere Demokratie es nicht schafft, dass der gesellschaftliche

00:34:40: Zusammenhalt Räume erschafft, dass ich mich frei fühle für diesen individuellen

00:34:46: Ausdruck, persönlichen Ausdruck der Würde.

00:34:48: Dieses Spannungsfeld, dies ist manchmal ein Paradox oder wird als Paradox gelesen,

00:34:55: Aber ist die Wesen, meiner Meinung nach, die wesentliche Triebkraft künstlerischer

00:35:01: und gesellschaftlicher Entfaltung?

00:35:04: Ich meine, letztlich geht es ja bei all dem, das muss man sagen,

00:35:08: also auch bei allen theoretischen Gedanken und diese künstlerische Freiheit,

00:35:12: die gibt es ja letztlich auch nur auf Basis von Finanzierung. Absolut.

00:35:16: Also logischerweise müssen KünstlerInnen auch leben können. Du hast jetzt vorhin

00:35:20: Berlin als Beispiel genannt.

00:35:22: Du lebst in Hamburg und bist ja auch vor allem aktuell hier tätig.

00:35:29: Hast du den Eindruck, in Norddeutschland, in Hamburg, ist das gerade auch ein

00:35:32: großes Thema oder sind wir hier ein bisschen auf der Insel der Glückseligen

00:35:36: und das funktioniert noch einigermaßen?

00:35:38: Wie ist so dein Eindruck? Mein Eindruck ist, dass die Kulturwelt hier glaubt,

00:35:42: sie sei auf der Insel der Glückseligen, denn Kulturförderung basiert natürlich

00:35:47: auch auf Steuereinnahmen.

00:35:50: Und das bedeutet, es kommt auch auf die wirtschaftliche Entwicklung an und kann

00:35:54: sich die Stadt Hamburg oder dieses Bundesland einem Bundestrend so komplett entziehen?

00:36:00: Das ist eine Fragestellung, die ich habe und das ist eine Frage,

00:36:05: wo ich nicht weiß, ob es dafür eine direkte Antwort gibt.

00:36:10: Wir hatten jetzt in den letzten Jahren eine Steigerung der Kulturförderung gehabt in der Stadt Hamburg.

00:36:16: Ob sich das für den nächsten Doppelhaushalt oder danach noch weiter ergibt und wo kulturpolitisch,

00:36:25: falls es zu einer, ich nenne es mal einer Kürzung kommt, wohin sich kulturpolitisch,

00:36:31: also welche Entscheidungen es geben wird, wo dann aber nichts gespart wird.

00:36:37: Diese Fragestellung, also es ist vielleicht eine aufgeschobene Fragestellung,

00:36:42: die erst in den nächsten zwei, drei Jahren geklärt wird und das muss die Stadt Hamburg noch beweisen.

00:36:47: Das heißt, du bist dann nicht ganz so hoffnungsfroh und schaust erst mal, was passiert.

00:36:51: Ich glaube, wir müssen uns, meiner Meinung nach müssen wir uns jetzt organisieren

00:36:56: als Zivilgesellschaft, damit das nicht geschieht.

00:36:59: Ich würde gerne noch auf eine Frage zurück.

00:37:01: Du hast tatsächlich eine Begriffsklärung. Du hast vorhin ja auch einmal gesagt,

00:37:06: also die sogenannten Marginalisierten. Ich nehme oft auch in der Arbeit,

00:37:10: in der politischen Bildung und ehrlicherweise auch bei mir selbst oder in meinem

00:37:13: Umfeld wahr, dass es manchmal schwerfällt.

00:37:16: Man möchte Menschen richtig adressieren, man möchte sie respektvoll adressieren

00:37:20: und trotzdem ist es manchmal vielleicht nicht die richtige Ansprache.

00:37:25: Wenn ich darf, wie ist es bei dir ganz persönlich? Welcher Community fühlst du dich zugehörig?

00:37:30: Wie möchtest du dich als Teil einer Community adressieren lassen?

00:37:34: Oh, das ist eine gute Frage und das ist eine Frage, die es auch immer im Wandel war.

00:37:40: Ich glaube, ich bin erzogen worden als ein Mensch, wo meine Eltern immer gesagt

00:37:45: haben, du bist Vietnamese und egal was du machst, du wirst nie deutsch sein. Ich...

00:37:52: Bin aufgewachsen und habe dafür enorm gekämpft, dass ich ein Deutscher bin.

00:37:58: Und habe immer gemerkt, verdammt, ich glaube, meine Eltern haben auch recht.

00:38:03: Ich bin dann in meinem Erwachsenenalter damit konfrontiert worden,

00:38:10: plötzlich, dass viele Leute gesagt haben, du bist aber Person of Color oder BIPOC.

00:38:15: Und hatte immer meine Fragezeichen auch da mit diesen Begrifflichkeiten gehabt.

00:38:22: Weil ich der angloamerikanischen Sichtweise nicht komplett folgen kann,

00:38:29: wenn wir auf Europa schauen.

00:38:32: Heutzutage bin ich, das muss ich nicht merken, dass ich da auch manchmal noch

00:38:37: ein bisschen suche, das merke ich jetzt gerade auch, aber ich versuche mich

00:38:40: als Europäer zu verstehen, der für ein multiperspektivisches Europa kämpft.

00:38:46: Und du bist jetzt natürlich als Künstler heute hier, aber wir machen ja auch politische Bildung.

00:38:52: Vielleicht bist du noch so nett und erklärst einmal auf, was BIPOC oder BIPOC

00:38:55: sind und was das für Bezeichnungen sind.

00:38:59: Also POC, People of Color zum Beispiel, ist sehr stark von Frantz Fanon erst

00:39:04: einmal im dekolonialen Widerstand entwickelt worden und ist dann mit Martin

00:39:10: Luther King in Amerika noch weiterentwickelt worden,

00:39:12: dass wir alle Citizens of Color sind und alle gleich, aber wir sind of color.

00:39:17: Innenabgrenzung zu weiß. Zu weiß, genau. BIPOC nimmt noch andere...

00:39:26: Marginalisierungsspektren, Identitäten hinzu, von Black und Indigenous hinzu,

00:39:32: um einfach das Spektrum der unterschiedlichen Marginalisierungsformen und Identitätsformen

00:39:37: hier mit in Einklang zu bringen.

00:39:39: Und das ist enorm verkürzt, was ich jetzt hier gerade sage und ich versuche

00:39:43: das in zwei Sätzen zu sagen.

00:39:44: Ich glaube, meine jetzige Kritikform zwischen BIPOC und Weißsein auf Europa

00:39:53: gesehen, glaube ich, ist, dass wir das nicht eins zu eins übernehmen können.

00:39:59: Wir können wesentliche Teile davon übernehmen, aber nicht alles.

00:40:02: Denn wenn es wir eine Ebene geben von BIPOC vs.

00:40:09: White, würden wir behaupten, ganz populärwissenschaftlich, dass wenn alle weiß

00:40:17: gelesenen Stimmen privilegiert sein sollten,

00:40:20: dann müssten wir sagen, dass sehr viele Menschen, die aus Polen,

00:40:24: Tschechien nach dem Fall der Berliner Mauer nach Deutschland gekommen sind, privilegiert waren.

00:40:30: Und ich glaube, das ist kontrafaktisch.

00:40:34: Wir müssten behaupten, dass viele europäische Perspektiven von Gastarbeitern

00:40:42: in Perspektiven aus Griechenland, Italien,

00:40:45: Ex-Jugoslawien privilegiert waren und wenig bis gar keine Diskriminierungserfahrung

00:40:52: oder Rassismuserfahrung erlebt haben.

00:40:53: Und das ist auch leider kontrafaktisch.

00:40:56: Und deswegen habe ich meine Probleme mit dem Ansatz des BIPOC vs.

00:41:03: White. Ich glaube, das ist für Europa zu unterkomplex.

00:41:08: Vielen Dank, dass du das nochmal übernommen hast, das hier ein bisschen drüber

00:41:13: aufzuklären und auch aus deiner Perspektive einzuordnen, denn das ist ja oft

00:41:17: genau die Schwierigkeit mit den Begrifflichkeiten,

00:41:19: dass sie vielleicht auch gar nicht allen Menschen geläufig sind und auch nicht

00:41:23: für alle verständlich, was damit konkret gemeint ist.

00:41:26: Also danke, dass du diesen Bildungsblock noch eingeschoben hast. Kein Problem, ja.

00:41:29: Ist ja auch etwas, was mich künstlerisch ja auch bewegt.

00:41:33: Absolut. Ich möchte noch ein bisschen auf, wir haben gar nicht mehr so viel

00:41:37: Zeit leider, aber ich möchte unbedingt natürlich auch nochmal auf die künstlerische

00:41:40: Ebene kommen und die, wie ich versprochen hatte, kleine Frage,

00:41:43: Kunst und Demokratie, was macht das miteinander?

00:41:46: Also wenn du es natürlich auch sehr verkürzen müsstest, aber was denkst du ist

00:41:51: sozusagen zum Beispiel dein Beitrag oder der Beitrag der Kollektive, in dem du arbeitest,

00:41:56: Fluctoplasmas Beitrag zur Demokratie hier vor Ort in Deutschland darüber hinaus?

00:42:02: Das ist ja gar keine kleine Frage, aber ich versuche es mal klein zu machen.

00:42:08: Also ich glaube, der Beitrag von Fluctoplasma ist mit einem Bäm die Vielfalt künstlerischer,

00:42:17: ästhetischer, diskursiver und politischer Ästhetiken nicht nur in den Raum zu

00:42:24: stellen, sondern auch stellenweise in Konflikt zu stellen in ihrer Widersprüchlichkeit

00:42:28: als eine demokratische Vielfalt.

00:42:30: Und ich wünsche mir, dass die Kulturwelt das so begreift, dass alle das so machen,

00:42:38: so genau so oder noch besser machen als wir, damit ich in fünf Jahren das nicht mehr machen muss.

00:42:44: Dann, da hoffe ich mal mit dir, dann machst du andere spannende Sachen.

00:42:48: Ich habe jetzt noch eine Frage.

00:42:50: Ich finde, wenn man über Demokratie und Kunst spricht, dann kommt man immer

00:42:53: auch ein bisschen an so eine Schwelle, so ein leichtes Unwohlsein.

00:42:57: Orte, an denen Kunst passiert, also ich sag mal, Kunst in Form von dazu wird

00:43:02: eingeladen in irgendeiner Form, jetzt nicht spontan.

00:43:06: Die geben sich, glaube ich, oft sehr viel Mühe, niedrigschwellig zu sein und

00:43:11: schaffen es leider sehr, sehr selten.

00:43:14: Wie kann es zum Beispiel gelingen, dass zu eurem Festival, zu Fluctoplasma,

00:43:19: ihr seid jetzt im Oktober wieder dran, mach noch einen Werbeblock.

00:43:22: Ja, also Oktober dieses Jahr, 2026, zwischen 22.

00:43:27: Und 25. Oktober. Und wir dürfen nicht vergessen, dass wir ein Verein sind,

00:43:31: Fluxus Quadrat e.V., wenn wir schon im Werbeblock sind.

00:43:35: Wir sind trotz Förderung natürlich auf Fördermitgliedschaft total angewiesen.

00:43:40: Genau. Und aktuell läuft auch der Open Call, glaube ich, für euer Festival.

00:43:43: Also wer künstlerisch tätig ist oder Menschen kennt, kann sich das gerne anschauen. Gerne verbreiten.

00:43:48: Aber nochmal zurück zu meiner Frage. Wie könnt ihr es zum Beispiel schaffen?

00:43:51: Oder wie versucht ihr es? Schafft ihr es nicht? Scheitert ihr auch daran?

00:43:55: Scheitern benennen ist ja auch wichtig.

00:43:58: Gelingt es euch gut, Menschen anzusprechen, die zum Beispiel keinen Hochschulabschluss haben?

00:44:02: Also, unser Zielpublikum ist beides gleichzeitig. Wir haben einen Hochschulabschluss,

00:44:07: aber auch genau Menschen, die keinen Hochschulabschluss haben.

00:44:10: Das liegt einfach auch ein bisschen daran, dass wir das als wir verstehen uns

00:44:15: als ein Festival der Gesamtgesellschaft. Wir wollen beide erreichen.

00:44:18: Und es gelingt uns zu einem großen Teil und ich würde auch sagen,

00:44:23: dass das einen wesentlichen,

00:44:26: Ich glaube, was wir machen, was wir auch leider auch immer noch sehr aus prekären

00:44:30: Verhältnissen leider noch machen müssen, ist, dass wir Kulturarbeit und Outreacharbeit

00:44:36: als eine Community-Arbeit verstehen.

00:44:37: Also wir gehen jeden Tag zu Familien und Menschen und versuchen Vertrauensarbeit zu machen.

00:44:44: Das ist eine Arbeit, diese unsichtbare Arbeit, die Institutionen häufig nicht machen.

00:44:50: Und das ist, glaube ich, der wesentliche Unterschied. Wir arbeiten viel mit Rom*nja-Communities,

00:44:57: wir arbeiten viel mit Menschen, die rechte Mordbrand und Terroranschläge überlebt

00:45:02: haben und wir sitzen zusammen miteinander und wir arbeiten daran.

00:45:09: Vertrauen und Beziehungen aufzubauen, weil wir davon überzeugt sind,

00:45:14: dass zuerst die Beziehung kommt und dann entsteht Vertrauen und nicht erst,

00:45:21: wir geben euch den Raum, Wir zeigen Vertrauen und dann entsteht Beziehung.

00:45:25: Ich glaube, das ist der wesentliche Unterschied, den wir machen zu vielen Institutionen.

00:45:30: Das klingt tatsächlich nach sehr viel Arbeit. Es klingt aber auch nach schöner

00:45:34: Arbeit und sehr wertschätzender Arbeit.

00:45:38: Ist das, wenn ein Tipp vielleicht auch noch für andere Menschen,

00:45:42: die Kultur produzieren, rausbringen, wie auch immer man es nennt,

00:45:46: ist das so der goldene Schlüssel oder hast du noch andere Ideen?

00:45:49: Also ich glaube, das große Problem ist, und deswegen mein Tipp.

00:45:55: Häufig verstehen wir Transformationen in der Kulturarbeit als eine infrastrukturelle

00:46:02: und strukturelle Arbeit.

00:46:04: Wir verändern Kulturapparate und versuchen, Räume zu schaffen,

00:46:11: hier Abteilungen zu bilden und so weiter und so fort. Mein Tipp ist,

00:46:17: Auf der anderen Seite der Waagschale die Frage zu stellen,

00:46:21: wie kriegen wir eine menschliche Kulturarbeit hin und wie agieren wir in Mikrokosmen,

00:46:29: menschliche Kommunikationsarbeit des Vertrauens.

00:46:33: Das sind auf jeden Fall dicke Bretter, aber ich freue mich zu hören,

00:46:38: dass so viele Kulturschaffende, also du und auch die Menschen um dich rum,

00:46:41: da so aktiv dran arbeiten.

00:46:43: Wir müssen leider wirklich zum Schluss kommen, das tut mir fürchterlich leid,

00:46:48: aber du bist wie alle anderen unserer Gäste gezwungen, eine Flaschenpost an

00:46:52: die Zukunft zu schicken.

00:46:54: Und da würde ich dich gerne fragen, denkst du, dass wir in Deutschland oder

00:46:58: sagen wir mal hier vor Ort in Hamburg in 10, 15 Jahren in einer postmigrantischen

00:47:04: Gesellschaft leben, Klammer auf, können?

00:47:08: Ich glaube, dass wir schon in einer postmigrantischen Gesellschaft leben,

00:47:11: aber unser Bewusstsein es noch nicht geschafft hat, die realen Bedingungen anzuerkennen.

00:47:19: Und ich glaube, es besteht die Chance, in unterschiedlichen Geschwindigkeiten

00:47:25: zwischen urbanem, ländlichem Raum, unterschiedlichen Milieus und Stadtteilen,

00:47:29: dies anzuerkennen in zehn Jahren.

00:47:32: Davon bin ich überzeugt. Diese Anerkennung in unterschiedlichen Geschwindigkeiten

00:47:38: wird aber zu Zerreißproben führen innerhalb unserer Gesamtgesellschaft.

00:47:44: Die zu verhandeln mit Würde und dass es uns nicht auseinander treibt als Gesellschaft,

00:47:50: das ist das Wesentliche, woran wir arbeiten müssen.

00:47:52: Ich muss leider doch eine Rückfrage stellen, das mache ich sonst nie,

00:47:55: aber wenn du ganz einfach sagen musst, was ist denn postmigrantische Gesellschaft,

00:47:59: was gilt es anzuerkennen? Es gilt anzuerkennen, dass wir schon längst in einer

00:48:03: Gesellschaft leben, wo Migration unsere Gesellschaft massiv prägt.

00:48:07: Ganz einfach, die Wahrscheinlichkeit, dass wir jeden Freitag oder jede Woche

00:48:13: Schnitzel selbst machen, ist wesentlich geringer als sich 10 Minuten Pasta in

00:48:20: den Topf zu schmeißen und Pesto zu essen.

00:48:23: Vielen Dank, dass du das nochmal so runtergebrochen hast. Damit sind wir leider,

00:48:26: leider schon am Ende der 93.

00:48:28: Folge von Friedrichs Flaschenpost, dem Politik-Podcast aus Norddeutschland von

00:48:32: der Friedrich-Ebert-Stiftung.

00:48:34: Danke euch, liebe Hörerinnen, danke euch, liebe Hörer und danke dir natürlich,

00:48:38: lieber Dan Thy, dass du heute da warst. Vielen Dank für die Einladung.

00:48:40: Es war total toll. Danke.

00:48:42: Ja, ich habe nämlich mit Dan Thy Nguyen gesprochen. Er ist ein Hamburger Künstler.

00:48:46: Auf Englisch würde man vielleicht sagen Jack of all trades.

00:48:49: Also er ist ein Universalkünstler, wie man sich das vielleicht bei uns vor einigen

00:48:53: Jahrhunderten vorstellte. Die gibt es noch.

00:48:56: Und in seinen vielen Projekten widmete er sich den gesellschaftlichen Themen, die anstehen.

00:49:01: Auch den harten Themen, das haben wir gehört, Rechtsextremismus,

00:49:03: Anschlägen, aber auch grundsätzlich immer wieder der Frage von Zusammenhalt.

00:49:07: Sehr ans Herz legen möchte ich euch natürlich

00:49:09: auch gerne nochmal das Fluctoplasma-Festival, das im Oktober vom 22.

00:49:13: Bis 25. Oktober stattfindet. Wir haben es gerade gehört, wirklich alle sind

00:49:17: eingeladen, alle dürfen sich angesprochen fühlen und wir freuen uns drauf.

00:49:22: Ich sage jetzt aber erstmal Tschüss und bis zur nächsten Folge von der Friedrich-Ebert-Stiftung.

00:49:25: Alles Gute, macht es gut und wie immer bleibt politisch. Danke.

Neuer Kommentar

Dein Name oder Pseudonym (wird öffentlich angezeigt)
Mindestens 10 Zeichen
Durch das Abschicken des Formulars stimmst du zu, dass der Wert unter "Name oder Pseudonym" gespeichert wird und öffentlich angezeigt werden kann. Wir speichern keine IP-Adressen oder andere personenbezogene Daten. Die Nutzung deines echten Namens ist freiwillig.