Folge 85: "Was macht Ungleichheit mit unserer Gesellschaft, Bettina Kohlrausch?"
Shownotes
In Folge 85 von Friedrichs Flaschenpost sprechen wir über ein grundlegendes Thema: Ungleichheit. Aber es geht nicht nur darum, wie Ungleichheit ganz unmittelbar unserem Gerechtigkeitsempfinden widerspricht. Wir wollen auch wissen: Was macht Ungleichheit mit unserer Gesellschaft, unserer Demokratie und unserem Zusammenhalt? Die Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung Prof. Dr. Bettina Kohlrausch erklärt im Podcast die Zusammenhänge: Eine zu große Ungleichheit führt zu weniger gesellschaftlichem Zusammenhalt und stellt eine Gefahr für unsere Demokratie dar. Wir erfahren etwas über die Gründe für diesen Zusammenhang und die materiellen Voraussetzungen gesellschaftlicher Teilhabe. Wir sprachen auch darüber, was Arbeit und vor allem Gute Arbeit damit zu tun hat und darüber, welche politischen Gestaltungsmöglichkeiten genutzt werden müssten, um die Ungleichheit abzubauen und gleichzeitig unsere Demokratie zu stärken.
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00:00:01: Friedrichs Flaschenpost, der Politik-Podcast aus Norddeutschland von der Friedrich-Ebert-Stiftung.
00:00:07: Herzlich willkommen zu Friedrichs Flaschenpost, dem Politik-Podcast aus Norddeutschland
00:00:12: von der Friedrich-Ebert-Stiftung.
00:00:14: Vielen Dank, dass ihr eingeschaltet habt, sagt am Mikrofon Stine Klapper von
00:00:18: eben dieser Friedrich-Ebert-Stiftung.
00:00:20: Alle, die unseren Podcast regelmäßig hören, wundern sich jetzt vielleicht,
00:00:23: dass nicht Christine Strotmann spricht. Keine Sorge, in der nächsten Folge ist sie wieder dabei.
00:00:28: Seit diesem Jahr moderieren wir beide Christine und Stine, Friedrichs Flaschenpost abwechselnd.
00:00:33: Wir kennen sie alle, diese Meldung, die Reichen werden reicher,
00:00:37: die Kluft zwischen Arm und Reich wächst.
00:00:39: Viele denken da zunächst, das ist ungerecht und genau dieser Trend widerspricht
00:00:44: stark dem, was wir als gerecht empfinden.
00:00:46: Heute möchten wir darüber sprechen, was soziale Ungleichheit aber über die Frage
00:00:50: von Gerechtigkeit hinaus anrichtet.
00:00:52: Was macht soziale Ungleichheit mit unserer Demokratie? Was macht sie mit unserer
00:00:57: Gesellschaft? Große Fragen, aber entscheidende Fragen.
00:01:00: Deshalb möchte ich Sie heute besprechen
00:01:02: mit einer Person, die sich damit auskennt. Und zwar mit Prof. Dr.
00:01:06: Bettina Kohlrausch, Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen
00:01:10: Instituts der Hans-Böckler-Stiftung und Professorin für gesellschaftliche Transformation
00:01:15: und Digitalisierung an der Universität Paderborn.
00:01:17: Moin, Frau Prof. Kohlrausch. Moin. Seit 2020 leiten Sie das WSI der Böckler-Stiftung
00:01:23: und beschäftigen sich mit verschiedenen gesellschaftspolitisch relevanten Fragen.
00:01:26: Unter anderem mit der Bedeutung von Arbeit und sozialer Integration und aber
00:01:31: insbesondere mit dem Zusammenhang von wirtschaftlichen Staatsbürgerrechten und
00:01:35: Einstellungen zur Demokratie sowie der Entstehung und dem Ausmaß antidemokratischer Einstellungen.
00:01:41: Darüber möchten wir heute reden und ich freue mich sehr, dass Sie,
00:01:44: Frau Kohlrausch, heute dabei sind. Ich freue mich auch.
00:01:47: Starten wir einmal ganz allgemein mit dem Thema Ungleichheit,
00:01:50: Frau Kohlrausch. Wie ungleich ist unsere Gesellschaft und war das nicht immer schon so?
00:01:55: Das war A, nicht schon immer so.
00:01:58: Die Ungleichheit hat schon zugenommen, wobei man vielleicht erstmal ganz kurz
00:02:01: überlegen sollte, worüber sprechen wir eigentlich?
00:02:04: Es gibt ja ganz viele Dimensionen von Ungleichheit, kann auch von Geschlechterungleichheit sprechen.
00:02:10: Auch das ist wichtig, aber eigentlich oder ganz oft ist es ja so,
00:02:14: wenn wir über Ungleichheit reden, meinen wir ungleiche Verteilung von Vermögen und Einkommen.
00:02:20: Und wenn man sich die Entwicklung der Einkommensungleichheit oder auch der Vermögensungleichheit
00:02:26: anguckt, dann kann man schon sagen, die Ungleichheit hat zugenommen.
00:02:30: Es gibt da so einen ganz guten Indikator, also es gibt verschiedene Indikatoren
00:02:35: und ich bin auch mal sehr dafür, sich mehrere anzugucken.
00:02:39: Aber ein Indikator, der auch oft genannt wird, ist der sogenannte Gini-Koeffizient.
00:02:44: Der kann zwischen 0 und 1 groß werden.
00:02:46: Bei 0 haben alle gleich viel und bei 1 hat eine Person alles.
00:02:51: Und da kann man sagen, dass der inzwischen bei Einkommen bei 0,3 ist.
00:02:57: Und auch der Einkommensungleichheit Indikator oder auch der Gini-Koeffizient
00:03:02: bei Einkommen ist schon ziemlich gestiegen, sagen wir mal so seit den Nullerjahren.
00:03:07: Gleichzeitig muss man aber sagen, dass Vermögen viel, viel, viel ungleicher
00:03:11: verteilt sind. Da liegt der Gini-Koeffizient bei 0,8.
00:03:15: Und ganz long war Deutschland eigentlich gar nicht so bekannt für Vermögensungleichheit.
00:03:19: Es gibt schon immer noch so ein Selbstverständnis her, weil das ist ja in anderen
00:03:22: Ländern viel schlimmer.
00:03:23: In der Eurozone ist das inzwischen nicht mehr so. In den USA,
00:03:26: die liegen noch ein bisschen vor uns, aber auch ein sehr, sehr ungleiches Land.
00:03:31: Wir haben eine sehr hohe Vermögensungleichheit in Deutschland.
00:03:34: Das heißt, ja, also wir haben Ungleichheit und ja, die ist gestiegen.
00:03:38: Und woran liegt das? Also warum haben wir diese hohe Vermögensungleichheit?
00:03:42: Warum werden die Reichen reicher? Warum wird die Spaltung größer?
00:03:47: Also vielleicht vorweg und einschränken, ich bin ja Wissenschaftlerin,
00:03:50: da finde ich mal gut zu sagen, was man kann und was man nicht kann.
00:03:54: Vermögensforschung ist jetzt nicht das Kerngebiet unseres Instituts,
00:03:57: wir gucken uns mehr die Einkommen an.
00:03:59: Aber was so die anderen Leute, meine Kollegen und Kolleginnen dazu sagen,
00:04:03: ist, dass natürlich einfach bestimmte Verteilungsmechanismen,
00:04:07: wie zum Beispiel Vermögensteuer,
00:04:08: weggefallen sind, dass man sozusagen die Kapitaleinkommen sich dynamischer entwickelt
00:04:13: haben und dass eben dadurch die besonders Reichen gute Bedingungen hatten in den letzten Jahren.
00:04:20: Um aus ihrem Kapital sozusagen noch mehr zu machen und das zu vermehren.
00:04:24: Bei der Einkommensungleichheit würde ich sagen, dass es zwei Dinge sind.
00:04:29: Wir haben auch ungefähr seit den Nullerjahren, also ich weiß nicht,
00:04:33: vielleicht erinnern sich manche noch an die Harz-Gesetze und die Agenda 2010 und damit ging einher.
00:04:38: Das gab es auch in vielen europäischen Ländern schon einen ziemlichen Rückbau
00:04:41: des Sozialstaates und damit auch einen Druck auf den Arbeitsmarkt von unten.
00:04:46: Und das führte zu einem enormen Ausbau des Niedriglohnsektors.
00:04:50: Das ist so das eine. Also dann gab es zumindest so am Anfang auch eher eine
00:04:55: schwache Einkommensentwicklung.
00:04:57: Das wurde dann besser, aber nur für die mittleren Einkommen,
00:05:00: nicht für die unteren Einkommen, was eben an diesem großen Niedriglohnsektor
00:05:03: lag. Das war das eine und das andere war, dass die Umverteilungswirkung des
00:05:07: Sozialstaates nachgelassen hat, also nicht mehr so effizient funktioniert hat.
00:05:12: Und das zusammen hat dazu geführt, dass die Einkommensungleichheit größer geworden
00:05:17: ist und das lag vor allen Dingen eben auch daran, dass Armut tatsächlich zugenommen
00:05:21: hat und dass auch die Armen im Vergleich,
00:05:23: also wenn man Armut auch mal misst als Abstand vom Mittelmaß,
00:05:27: dass die Armen auch ärmer geworden sind.
00:05:30: Und das sind vielleicht zum Grund die Ursachen für diese Entwicklung.
00:05:33: Wir möchten ja darüber sprechen, was das macht.
00:05:37: Also was macht das mit unserer Demokratie? Was macht das mit unserem gesellschaftlichen Zusammenhalt?
00:05:43: Sehen Sie da einen Zusammenhang?
00:05:46: Den sehe ich, aber nicht nur ich. Ich habe gerade im Vorfeld des Vortrages mir
00:05:51: auch nochmal Artikel angeguckt von Kolleginnen und Kollegen,
00:05:54: die sich das angeguckt haben, auch im europäischen Vergleich und das ist,
00:05:58: würde ich sagen, kann man schon wirklich sagen, eine empirisch belastbare Feststellung,
00:06:03: dass die Zunahme von Einkommensungleichheit, die haben es sich jetzt für Einkommensungleichheit
00:06:08: angeguckt, aber es gibt auch andere.
00:06:09: Also die Zunahme von Ungleichheit, autoritäre Politikangebote stärkt und dadurch
00:06:16: natürlich auch demokratiegefährdend ist.
00:06:18: Und gibt es andere Punkte noch, woran man das ablesen kann?
00:06:22: Dass das so ist? Ja, also genau. Also das eine ist erstmal, man sieht den Zusammenhang,
00:06:27: auch Historiker weisen ja darauf hin, auch die Deutung, warum der Faschismus so stark werden konnte.
00:06:33: Was weiß ich, Polanianer, Arendt, Horkheimer, die haben alle diesen Zusammenhang,
00:06:37: das ist auch was mit einer Krisenhaftigkeit und sozialen Ungleichheit zu tun
00:06:42: gehabt hat, deutlich gemacht.
00:06:44: Und der nächste Schritt, und das ist auch das, was wir uns angucken,
00:06:47: ist dann natürlich die Frage, warum?
00:06:49: Also wir sehen erstmal einen Zusammenhang und dann interessieren wir uns als
00:06:53: Sozialwissenschaftler immer und innen dafür, was sind die Mechanismen, die das erklären?
00:07:00: Und da kann man so verschiedene identifizieren. Also das eine ist,
00:07:04: das habe ich ja eben schon gesagt, Ungleichheit geht einher mit einer Zunahme
00:07:08: von Reichtum, aber eben auch von Armut.
00:07:10: Und Armut begrenzt ganz stark gesellschaftliche Teilhabe, nicht nur in materieller
00:07:15: Hinsicht, auch tatsächlich in demokratischer Hinsicht.
00:07:18: Arme Menschen wählen weniger und arme Menschen sind unzufriedener mit den Institutionen zum Beispiel.
00:07:28: Die mit staatlichen Institutionen wie Gerichte oder Polizei und zeigen insgesamt
00:07:34: eine höhere Entfremdung von Politik.
00:07:36: Ich finde das eigentlich sehr nachvollziehbar, weil arme Menschen natürlich
00:07:42: permanent die Erfahrung machen, dass die Institutionen, die für diesen Staat
00:07:46: stehen, eigentlich für sie nicht funktionieren.
00:07:49: Dass das zu einer politischen Entfremdung und zu einem Misstrauen in politische
00:07:54: Institutionen führt, kann ich total gut nachvollziehen.
00:07:58: Dieses Mistbrauen wird natürlich gut bedient und mobilisiert von extrem rechten Parteien.
00:08:03: Aber das allein kann es noch nicht erklären, weil es wir schon immer,
00:08:07: also wir kennen Zusammenhang, wir sehen Zusammenhang zwischen Einkommen und
00:08:12: der Wahrscheinlichkeit, extrem recht zu wählen.
00:08:14: Aber wenn man sich das Elektorat zum Beispiel extrem rechter Parteien anguckt,
00:08:18: dann sind da natürlich ganz, ganz viele auch aus der Mittelschicht dabei.
00:08:23: Das sind nicht nur die Armen.
00:08:25: Und deshalb macht es, glaube ich, Sinn, nochmal weitere Mechanismen nachzudenken.
00:08:29: Und da kann man vielleicht noch zumindest zwei weitere, vielleicht sogar drei identifizieren.
00:08:35: Ich habe aber ganz kurz beschrieben, was war eigentlich die Politik, die das verursacht hat.
00:08:39: Wenn man sich nochmal überlegt, was da eigentlich passiert ist,
00:08:42: also gerade auch beim Arbeitsmarkt, das habe ich eben nicht so beschrieben,
00:08:45: aber das ging ja auch einher, zum Beispiel mit einem Abbau von Institutionen, die Arbeit regulieren.
00:08:50: Also die Tarifbindung ist zurückgegangen, die betriebliche Mitbestimmung ist zurückgegangen.
00:08:54: Und daran erinnere ich mich noch in meiner Jugend ganz stark in den Nullerjahren.
00:08:59: Das war immer mit Verweis auf den Standort Deutschland, Verweis auf die Standortsicherheit.
00:09:04: Und der Rückbau des Sozialstaates ging einher mit einer ganz starken Individualisierung von Verantwortung.
00:09:10: Es wurde die Eigenverantwortung betont und damit war natürlich die Verantwortung
00:09:15: für das Versagen im Falle von Armut beim Individuum.
00:09:19: Und diese Argumentation, das finde ich, kann man schon sagen.
00:09:24: Wohnt sowas wie ein autoritärer Impuls inne.
00:09:28: Dem kann man sich ganz schlecht widersetzen. Man kann gar nichts anderes machen,
00:09:32: als wie wir es machen, als die Standards hier auf dem Arbeitsmarkt zurückbauen.
00:09:35: Sonst verlagern, gehen alle Unternehmen ins Ausland.
00:09:39: Also mit Verweis auf die Globalisierung.
00:09:43: Ich als Individuum bin schuld. Also ich habe gar nicht an meiner Situation,
00:09:48: ich habe also gar nicht die Möglichkeit, Verhältnisse zu adressieren oder eigentlich
00:09:52: Handlungsoptionen, weil es ja meine Verantwortung ist.
00:09:57: Also bin ich offensichtlich gescheitert, weil de facto nehmen die Menschen,
00:10:02: die in Armut geraten, das natürlich nicht, also erleben das ja eigentlich als
00:10:05: totalen Kontrollverlust, für den sie auch noch selbstverantwortlich sind.
00:10:08: Und ich glaube, dass dieser autoritäre Impuls, Heidmeier hat es auch mal autoritären
00:10:14: Kapitalismus genannt, was ich ganz schön finde, also nicht in der Sache,
00:10:19: aber in der Bezeichnung, der ist antidemokratisch.
00:10:22: Weil natürlich ist es in der Demokratie erstmal so, dass man es grundsätzlich
00:10:26: auch anders machen könnte. Ob es dann besser ist, wissen wir nicht.
00:10:28: Aber man muss schon darüber reden können. und das ist ein Stück weit verloren
00:10:33: gegangen das hat jetzt natürlich nochmal ganz andere Dimensionen,
00:10:36: wenn man sich anguckt, wie zum Beispiel in den USA sich ein Musk mit Geld wirklich
00:10:40: in eine Regierung einkauft,
00:10:42: also da werden ja demokratische Handlungsspielräume wirklich beschnitten,
00:10:47: und dann sagt,
00:10:50: Das ist auch ein Argument, was von Heidmeier kommt, der nochmal betont,
00:10:54: dass diese autoritäre Struktur, in der sich Menschen plötzlich bewegen.
00:11:00: Oder das Ergebnis dieser Politik und ganz konkret eben auch die Politik,
00:11:04: die zu sozialer Ungleichheit geführt hat, oder wenn Menschen soziale Ungleichheit erleben,
00:11:11: geht das mit Erfahrung von Anerkennungsbedrohungen und Anerkennungsverlusten einher.
00:11:16: Also die Angst vor dem sozialen Abstieg, das Gefühl, die eigene Leistung wird
00:11:20: nicht anerkannt und nicht gewürdigt in der Gesellschaft.
00:11:24: Wenn ich zum Beispiel was für die Gesellschaft tue, was sehr wichtig ist,
00:11:29: aber es nicht entsprechend entlohnt wird oder die Arbeitsbedingungen sehr,
00:11:33: sehr schlecht geworden sind.
00:11:34: Also das eine ist das Geld, aber es gibt ganz viele Dinge,
00:11:39: wo zum Beispiel, also viele Beschäftigte beklagen sich über eine Verdichtung
00:11:45: von Arbeit, wenn sie einfach zum Beispiel auch durch digitale Kontrolle viel
00:11:48: mehr machen müssen in kürzerer Zeit, weniger Kontrolle, weniger Handlungsspielräume haben.
00:11:53: Das beschreibt Heidmeier als Anerkennungsbedrohung oder Anerkennungsverlust
00:11:57: und er sagt, dass Menschen...
00:11:59: Die das erleben, erleben das als Kontrollverlust. Und autoritäre Angebote sind
00:12:05: immer natürlich vergiftete Angebote, aber vermeintliche Angebote der Zurückgewinnung von Kontrolle.
00:12:11: Sie haben ja gerade beschrieben, dass da gewisse autoritäre Züge oder das,
00:12:16: was als autoritärer Kapitalismus beschrieben wird, dafür verantwortlich auch
00:12:20: ist, dass diese Entfremdung stattfindet.
00:12:23: Warum schieben Menschen das dann dennoch der Demokratie in die Schuhe?
00:12:28: Also warum die Enttäuschung mit der Demokratie, wenn ja eigentlich die Ursachen
00:12:33: dafür zum Beispiel eben eher autoritäre Züge sind,
00:12:37: autoritäre Ansätze und wir wissen ja auch, dass gerade auch in undemokratischen
00:12:41: Gesellschaften die soziale Ungleichheit nicht gerade geringer ist,
00:12:45: sondern in vielen Fällen sogar viel höher und dann noch viel mehr eine kleine
00:12:48: Elite vielleicht ist, die sich selbst bereichert.
00:12:50: Warum die Verbindung so sehr da mit der Demokratie? Ich glaube gar nicht,
00:12:54: dass die prioritär sagen, ich wende mich von der Demokratie ab,
00:12:59: aber sie machen sich antidemokratische Einstellungen zu eigen,
00:13:02: zum Beispiel autoritäre Einstellungen,
00:13:05: weil das Zurückgewinnung von Kontrolle vermeintlich suggeriert.
00:13:10: Wir haben auch in der Pandemie zum Beispiel gesehen, dass die Leute,
00:13:13: viele Menschen ja sehr breitwillig Verschwörungserzählungen geglaubt haben.
00:13:17: Auch das ist eine Reaktion auf Kontrollverlust.
00:13:20: Man kriegt vermeintlich Kontrolle zurück. Dass das im Ergebnis nicht stimmt, sei dahingestellt.
00:13:25: Und dann gibt es eben Kräfte in Deutschland,
00:13:29: die ganz gezielt und sehr erfolgreich diese Gefühle und diese Einstellungen mobilisieren,
00:13:35: die entstanden sind zwar in einem formalen demokratischen Kontext und ich will
00:13:40: auch nicht in Abrede stellen, dass wir in einer Demokratie leben,
00:13:44: aber es gibt natürlich in dieser Demokratie Bereiche oder Menschen.
00:13:49: Die nicht wirklich das Gefühl haben, demokratisch teilhaben zu können an dieser Gesellschaft.
00:13:56: Und das führt einfach zu einer Enttäuschung. Und wenn das dann kombiniert ist
00:14:02: mit sozialer Unsicherheit, dann entsteht so eine Mischung,
00:14:09: in der diese autoritären und
00:14:11: antidemokratischen oder rechtspopulistischen Angebote sehr gut verfangen.
00:14:16: Ein weiteres Beispiel oder ein weiterer Grund sind, glaube ich,
00:14:20: dass Gesellschaften, in denen es sozusagen enger wird, in denen Ungleichheit
00:14:24: bedeutet ja auch zumindest für die, die wenig haben, auch einfach mehr Druck auf der Gesellschaft.
00:14:28: Das geht einher mit weniger Möglichkeit zur Aufwärtsmobilität.
00:14:33: Das heißt, die Handlungsspielräume werden enger.
00:14:35: Und das sind Situationen, in denen Statuskämpfe entstehen.
00:14:39: Also soziologisch spricht man auch von sozialer Schließung. Also man grenzt
00:14:43: sich sozusagen von unten ab,
00:14:44: um das bisschen, was es an Möglichkeiten noch gibt, für sich zu sichern.
00:14:48: Und diese Statuskämpfe werden sehr, sehr gekonnt, natürlich auch in den sozialen
00:14:54: Medien, von extrem rechten oder rechtspopulistischen Parteien bedient.
00:14:59: Und zwar indem plötzlich gar nicht mehr über Ungleichheit geredet wird,
00:15:05: sondern indem es so umgedeutet wird in kulturelle Statuskämpfe.
00:15:09: Also die reden dann plötzlich über das Gendern oder über die Kinder.
00:15:14: Also jedes Jahr an Weihnachten haben wir diese Diskussionen oder angeblichen
00:15:18: Schockberichte, dass in irgendwelchen Kitas nicht mehr Weihnachten gefeiert
00:15:22: wird oder kein Nikolaus mehr.
00:15:25: Wenn man dann irgendwie noch dreimal nachfragt, stellt sich meistens raus,
00:15:27: dass es totaler Quatsch ist. Aber es ist auch jetzt nicht ein deutsches Phänomen.
00:15:30: In Österreich gibt es das auch. Das ist einfach ein Kulturkampf.
00:15:34: Und Menschen, die sich in Statuskämpfen
00:15:37: befinden, sind offensichtlich empfänglich für diese Umdeutung.
00:15:43: Letztlich kann man sagen, also Steffen Mau hat es mal verschiedene Konfliktarenen benannt.
00:15:48: Es gibt oben und unten Konflikte und es gibt innen und außen Konflikte.
00:15:51: Und letztlich, was da in diesen Kulturkämpfen passiert, ist eine Umdeutung von
00:15:55: oben-unten-Konflikten, innen- und außen-Konflikte.
00:15:58: Und ich glaube, das gelingt dann vielleicht auch so gut, weil lange Zeit...
00:16:05: Und diese Frage zunehmender Ungleichheit und der sich damit verbindende Oben-Unten-Konflikt
00:16:10: auch von demokratischen Parteien möglicherweise nicht so umfassend thematisiert
00:16:17: und adressiert worden ist oder sie keine Sprache gefunden haben,
00:16:21: mit der es gut funktioniert hat, wie es nötig gewesen wäre.
00:16:26: Sodass dieses Deutungsangebot gar nicht mehr da war im öffentlichen Raum für die eigene Misere.
00:16:33: Und dann kommen halt andere Deutungsangebote. Und dann sind es eben die Migranten,
00:16:38: die schuld sind oder dass das gegendert wird.
00:16:41: Ich glaube einfach, dass eine Gesellschaft, die sehr stark unter Druck steht,
00:16:45: auf sehr vielen Ebenen, ich hoffe, ich konnte das ein bisschen deutlich machen.
00:16:50: Offen ist oder anfällig ist für autoritäre Angebote und autoritäre Erzählungen
00:16:56: und die umsetzt dann auch.
00:16:58: Menschen bereit sind, das umzusetzen und auch das, was sie haben,
00:17:02: die Demokratie dafür aufs Spiel zu setzen oder vielleicht nicht mal merken,
00:17:06: dass sie es aufs Spiel setzen.
00:17:07: Und es gibt natürlich auch, das muss man auch sagen, auf der anderen Seite Menschen,
00:17:12: die es ganz bewusst nach vorne treiben, weil sie sich was davon versprechen, Macht oder auch Geld.
00:17:16: Ja, also es ist jetzt dann sozusagen die andere Ebene und die das einfach dieses
00:17:21: komplizierte Feld sehr geschickt bespielen und man muss natürlich auch sehen,
00:17:27: dass die Gesellschaft jetzt nochmal zusätzlich unter enormen Druck geraten ist
00:17:31: durch Dinge, für die jetzt erstmal niemand was kann.
00:17:33: Also Corona-Pandemie, der Ukraine-Krieg, die Inflation,
00:17:38: darüber kann man streiten, hätte man das wissen müssen, hätte man sich abhängig
00:17:41: machen müssen von russischem Gas, aber so ist es jetzt nun mal und das ist sozusagen
00:17:46: sind noch zusätzliche externe Schocks, die das Ganze noch verstärken.
00:17:50: Frau Kohlrausch, wir möchten bei dem Gedanken nachher nochmal weitermachen.
00:17:54: Kommen jetzt aber zu Friedrich Fragt.
00:17:56: Unsere HörerInnen kennen diese Runde vielleicht schon. Ich stelle Ihnen jetzt
00:18:00: ein paar Entweder-oder-Fragen und möchte Sie bitten, einfach spontan drauf zu reagieren.
00:18:05: Beginnen wir gleich mit einer Glaubensfrage.
00:18:08: Sie kennen es aus Ihren Auslandsaufenthalten beides gut.
00:18:12: Tea Time in London oder Espresso in Florenz?
00:18:16: Espresso in Florenz. Läuft bei Ihnen im Fernsehen eher ein Spielfilm oder eine politische Talkshow?
00:18:22: Hängt davon ab, ob ich alleine gucke. Wenn ich alleine gucke, Talkshow.
00:18:27: Sind Sie eine Eule oder eine Lerche? Lerche. Nee, doch. Lerchen sind die früher auf der Stirn. Genau.
00:18:35: Vogelkunde. Was haben Sie in Ihren letzten Urlaub mitgenommen?
00:18:39: Roman oder Sachbuch? Beides.
00:18:43: Wo sind Sie lieber, am Meer oder in den Bergen? Meer. Gehen Sie lieber zu einem
00:18:47: Fußballspiel oder ins Kino? Kino.
00:18:50: Wenn Sie sich zwischen zwei Extrem entscheiden müssen, ist es Ihnen lieber etwas
00:18:54: zu kalt im Winter oder zu heiß im Sommer?
00:18:57: Das ist schwierig. Ich bin sehr wetterfühlig und bei beiden immer extrem unleidlich.
00:19:01: Ich glaube, im Winter, denke ich, besser zu heiß und im Sommer,
00:19:05: denke ich, besser zu kalt.
00:19:07: Und dann jetzt der Klassiker hier im Norden, Nordsee oder Ostsee?
00:19:14: Tatsächlich dann Nordsee, wobei ich lange nicht mehr da war,
00:19:17: aber als Kind natürlich oft. Meine Eltern kommen ja auch aus Bremen.
00:19:20: Prima, vielen Dank für die spontanen Antworten. Jetzt haben wir schon einiges
00:19:24: über Sie, über Bettina Kohlrausch erfahren. Gerne möchte ich noch ein bisschen mehr wissen.
00:19:29: Sie haben zunächst Soziologie studiert. Wussten Sie gleich, dass Sie in der
00:19:33: Wissenschaft bleiben wollen?
00:19:35: Nee, überhaupt nicht. Also ich habe das eigentlich sogar eher ausgeschlossen
00:19:39: und habe dann aber so am Ende des Studiums die Idee entwickelt,
00:19:44: es doch mal zu versuchen.
00:19:45: Und ich habe dann mich einfach beworben, auch noch mal für Masterstudiengänge
00:19:50: im Ausland und bin dann aber hier an der Graduate & Professional School in Bremen angenommen worden.
00:19:55: Das war eine der ersten Graduate Schools in Deutschland. Das war damals noch
00:19:58: ein ganz innovatives Konzept.
00:20:00: Und dann Ihre Promotion, die war ja auch schon zu einem Thema im Bereich Arbeit.
00:20:06: Wie sind Sie darauf gekommen? Warum sich schon damals so sehr für Fragen der
00:20:10: Arbeit und Gesellschaft interessiert?
00:20:13: Eigentlich habe ich mich gar nicht, also ich habe mich schon für Arbeit interessiert,
00:20:16: aber eigentlich habe ich mich für was anderes interessiert.
00:20:18: Deshalb finde ich jetzt diese ganzen Sachen zu Rechtspopulismus auch gar nicht.
00:20:22: Also viele sagen, du machst jetzt was ganz anderes. Für mich ist das eigentlich
00:20:25: nicht, weil ich habe mich interessiert für Mechanismen sozialer Integration.
00:20:30: Also mich hat interessiert, wie werden Menschen Teil der Gesellschaft.
00:20:33: Das ist ja auch sehr normiert durch die Institution.
00:20:36: Und dieses Zusammenspiel von individuellen Ideen, Entwürfen,
00:20:40: Chancen und der Normierung ist.
00:20:43: Durch die Gesellschaft hat mich interessiert und es ist in Deutschland halt so ein Paradebeispiel.
00:20:50: Also ich habe da ja Jugendarbeitslosigkeitsprogramme in Deutschland und Großbritannien
00:20:54: verglichen und das berufliche Bildungssystem ist in ganz vielerlei Hinsicht
00:20:59: gerade in Deutschland wirklich so ein Paradebeispiel
00:21:03: wie so eine kritische Übergangssituation im Leben in die Bildung,
00:21:09: in die berufliche Bildung und dann in den Arbeitsmarkt.
00:21:11: Durch eine extremen, also in dem Fall ja auch kooperatistisch reguliert,
00:21:15: also das System der beruflichen Bildung ist ja stark durch die Sozialstaaten
00:21:18: geprägt, also durch eine hohe
00:21:21: und auch recht komplexe Art der Regulierung eigentlich sehr gut läuft.
00:21:24: Und in Großbritannien eben gerade nicht, das ist mal so als Gegenbeispiel genommen
00:21:30: worden, aber natürlich sind diese Übergangssysteme auch immer im Wandel begriffen.
00:21:38: Und das hat mich halt interessiert, wie sich die Integrationsmechanismen sozusagen
00:21:42: verändern unter den Bedingungen des Wandels.
00:21:45: Dann war ja im Prinzip schon durch die Promotion vorgezeichnet,
00:21:49: wohin sie später gehen würden.
00:21:50: War das schon damals ein Ziel, zum WSI zum Beispiel zu gehen?
00:21:54: Nee, also ich hatte das WSI schon auf dem Schirm und auch die WSI-Mitteilung
00:21:59: tatsächlich natürlich. Natürlich, ich kannte das, aber man plant ja nicht so.
00:22:05: Ich war ja zuerst beim Sophie und es ist ja ganz oft so,
00:22:10: gerade in der Wissenschaft, so der erste Wunsch ist ja, kriege ich eine unbefristete
00:22:13: Stelle und das hatte ich tatsächlich sofort nach der Promotion,
00:22:16: was auch irgendwie mir eine gute Sicherheit gegeben hat. Und dann habe ich ja
00:22:19: erst mal Kinder gekriegt.
00:22:21: Und dann hatte ich irgendwann entschieden, ich möchte halt gerne versuchen,
00:22:24: auf eine Professur zu kommen.
00:22:25: Und das hat geklappt. Und in dieser Professur habe ich irgendwie wieder mehr
00:22:30: mit dem WSI auch zu tun gehabt, mit der HBS und mit denen zusammengearbeitet.
00:22:34: Und so hat sich das dann ergeben.
00:22:36: Jetzt sind Sie da. Was sind aktuell die wichtigsten Themen?
00:22:40: Schon das, worüber wir heute reden.
00:22:42: Aber auch, wir begleiten ja einfach auch ganz konkret Arbeitsmarktpolitik.
00:22:47: Und es gibt bestimmte Entwicklungen, die sind einfach relevant,
00:22:51: zum Beispiel die Tarifbindung.
00:22:54: Wir begleiten das Tarifgeschehen, das ist so das tägliche Geschäft,
00:22:58: aber das ist schon für den Arbeitsmarkt und wie er sich darstellt, sehr wichtig.
00:23:02: Genau und was wir natürlich auch machen und was mir auch schon wichtig ist,
00:23:05: ist diese ganze Frage von Geschlechtergleichheit, was ich auch für ein wichtiges Thema halte,
00:23:09: weil es tatsächlich nach meinem Eindruck auch gar nicht so relevant ist im Wahlkampf
00:23:15: im Moment, aber wir da finde ich immer noch einiges zu tun haben.
00:23:19: Also es ist eins der Themen, die mir auch wichtig sind.
00:23:23: Das WSI ist ein Institut der Hans-Böckler-Stiftung und das ist die Stiftung
00:23:27: des DGB, des Deutschen Gewerkschaftsbundes.
00:23:29: Warum sollten Menschen einer Gewerkschaft beitreten?
00:23:33: Also zunächst mal, auch das ist was, was sie regelmäßig erforschen,
00:23:38: weil es sich für sie lohnt.
00:23:41: Menschen, die unter einem tarifgebundenen Beschäftigungsverhältnis arbeiten,
00:23:46: verdienen in der Regel mehr Geld, für weniger Zeit, haben auch geringere Arbeitszeit.
00:23:50: Sie haben öfter Urlaubsgeld und höheres Urlaubsgeld.
00:23:53: Sie haben öfter Weihnachtsgeld und höheres Weihnachtsgeld.
00:23:55: Sie haben natürlich auch die Möglichkeit, rechtliche Beratung und Rechtsschutz zu haben.
00:24:01: Also Gewerkschaften schützen Beschäftigte ganz konkret, aber sie sind ja auch
00:24:05: gesellschaftliche Akteure oder Akteurinnen.
00:24:07: Und ich denke, dass wir die als Anwalt der Beschäftigten in diesen Zeiten wirklich
00:24:13: brauchen, weil, das habe ich ja schon beschrieben, also ein Teil der Ungleichheitsentwicklung
00:24:18: hat schon auch was mit Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt zu tun.
00:24:21: Und Gewerkschaften stellen eben sicher, dass diese Deregulierung von Beschäftigungsverhältnissen
00:24:29: nicht zunimmt, sondern im Gegenteil, dass sie eher wieder zu einer Regulierung kommt.
00:24:33: Die sind ja auch zum Beispiel in der Mindestlohnkommission, setzen also die
00:24:39: Untergrenzen fest und haben da einfach die Interessen der Beschäftigten im Blick.
00:24:42: Ich habe ja gesagt, ich interessiere mich für soziale Integration und ich glaube,
00:24:47: dass ein Arbeitsmarkt ein ganz wichtiger Mechanismus ist oder eine Institution,
00:24:52: die für soziale Teilhabe oder soziale Integration sorgt, aber nicht zwingend und nicht automatisch.
00:24:57: Und deshalb ist es gut, dass es Leute gibt, die sich dafür einsetzen,
00:25:00: dass das gelingen kann. Da sind wir gleich bei einem Thema, worüber ich auch
00:25:04: gerne noch sprechen möchte und zwar die Rolle von Arbeit, also die Rolle von
00:25:08: Arbeit für soziale Integration.
00:25:10: Welche Rolle spielt Arbeit für die Frage von sozialer Integration,
00:25:14: von gesellschaftlichem Zusammenhalt und Demokratie?
00:25:17: Genau, also Heidmeier, den ich jetzt ja eben schon zitiert habe,
00:25:22: hat noch was Kluges gesagt.
00:25:24: Er hat nämlich letztlich auch gesagt, es hat was mit sozialer Desintegration zu tun.
00:25:30: Und deshalb ist es immer gut, wenn Menschen sich von der Demokratie abwenden.
00:25:34: Finde ich auch logisch. Also Demokratie lebt davon, dass Menschen sich die Sache
00:25:39: der Demokratie, die Gesellschaft zu eigen machen und wenn sie sich nicht als
00:25:42: Teil dieser Gesellschaft fühlen, warum sollten sie das tun?
00:25:44: Und Arbeit ist eben ein Weg, wie Menschen an der Gesellschaft teilhaben.
00:25:50: Ganz klar und ganz logisch, weil man Geld verdient und weil wir nun mal in der
00:25:54: Gesellschaft leben, in der gesellschaftliche Teilhabe, was kostet,
00:25:57: wir müssen alle essen, wir wollen vielleicht auch in den Urlaub fahren,
00:25:59: ins Kino gehen, all diese Dinge.
00:26:01: Aber wir haben natürlich über Erwerbsarbeit jetzt, sage ich mal,
00:26:06: also es gibt ja auch unbezahlte Sorgearbeit, die ist auch wichtig,
00:26:09: aber funktioniert immer ein bisschen anders.
00:26:11: Über Erwerbsarbeit natürlich auch die Möglichkeit, unser Umfeld ganz konkret mitzugestalten.
00:26:17: Also auch jetzt die Transformation, das ist einerseits wahnsinnig abstrakt,
00:26:20: irgendwie Energiewende, am Ende des Tages muss aber irgendjemand diese Windräder auch hinstellen.
00:26:26: Oder müssen Unternehmen bestimmte Strategien entwickeln, wie sie sich auf dem
00:26:35: E-Motor oder was weiß ich, neu orientieren.
00:26:37: Und da, wo es zum Beispiel Unternehmensmitbestimmung gibt, wo es Betriebsräte
00:26:42: gibt, haben Beschäftigte die Möglichkeit konkret und zwar im Prinzip jeden Tag,
00:26:49: anders als wenn man alle vier Jahre wählen geht oder in ihrem ganz konkreten
00:26:53: Umfeld, wo sie das konkret gestalten und entscheiden oder auch den Einsatz digitaler
00:26:58: Technologien zum Beispiel einfach konkret anwenden und entscheiden,
00:27:01: wie wenden wir diese digitale Technologie hier an.
00:27:05: Gestalten Sie die Transformation auch mit. Und da geht es dann nämlich nicht
00:27:09: nur um materielle Teilhabe, da geht es auch wirklich um demokratische Teilhabe.
00:27:12: Und das haben wir ganz viel abgefragt und das ist den Menschen super wichtig.
00:27:16: Es ist diese demokratische Teilhabe über Arbeit, am Arbeitsplatz,
00:27:21: erleben Menschen als ein ganz wichtiges Element gesellschaftlicher Teilhabe.
00:27:27: Sie haben es gerade ja schon beschrieben. Vielleicht können Sie dazu noch ein bisschen mehr sagen.
00:27:33: Es gibt ja sehr unterschiedliche Arten von Arbeit, von Erwerbsarbeit.
00:27:36: Es gibt ja durchaus auch sehr prekäre Arbeitsverhältnisse, die ja eher Ausdruck
00:27:40: sozialer Ungleichheit sind, als dass man von ihnen erwarten kann,
00:27:43: dass sie förderlich sind für gesellschaftlichen Zusammenhalt oder soziale Integration.
00:27:48: Können Sie noch ein bisschen mehr dazu sagen, wie Arbeit aussehen muss,
00:27:52: damit es diese Funktion erfüllt?
00:27:54: Ja, also genau. Sie muss nämlich diese Teilhabedimensionen auch ermöglichen.
00:27:59: Das heißt, sie muss ein auskömmliches Einkommen garantieren.
00:28:02: Dann sind wir wieder ein bisschen bei sozialer Anerkennung. Es ist Beschäftigten
00:28:06: wichtig und es macht echt einen
00:28:07: Unterschied, ob sie sagen, mein Einkommen entspricht meiner Leistung.
00:28:11: Selbst wenn man, das kann man irgendwie dann mit Statistik machen.
00:28:15: Kontrolliert für das Einkommen, also unabhängig von dem
00:28:18: Wie viele Menschen verdienen? Wenn zwei Menschen 1.000 Euro verdienen und der
00:28:22: eine sagt, es ist angemessen für mein Einkommen und der andere sagt,
00:28:24: es ist nicht angemessen, dann ist in der Tendenz der, der es nicht angemessen findet.
00:28:30: Offener für antidemokratische Angebote. Und das hat was mit sozialer Anerkennung zu tun.
00:28:34: Das erleben Menschen auch auf der Arbeit. Also sie muss immaterielle Teilhabe
00:28:38: und Anerkennung ermöglichen, aber eben auch demokratische Teilhabe.
00:28:41: Es gibt dafür natürlich diese formalen Möglichkeiten, also es gibt Betriebsräte
00:28:46: oder es gibt keinen Betriebsrat und ich würde jetzt gerne sagen,
00:28:50: der Betriebsrat ist der absolute Game Changer, ganz so einfach ist es aber nicht.
00:28:55: Also die Beschäftigten müssen die Möglichkeit, also das Gefühl haben oder also
00:29:01: auch, was sich ja wahrscheinlich verbunden ist mit der realistischen Erfahrung,
00:29:05: dass sie auch selber was mitgestalten können oder dass der Betriebsrat auch
00:29:08: wirklich die Möglichkeiten hat.
00:29:09: Also dieses Veränderungs-, es geht nicht jetzt um eine Formalie,
00:29:12: sondern es geht wirklich um dieses Gefühl.
00:29:14: Ich denke, es geht um Selbstwirksamkeit ganz stark.
00:29:17: Also das Gefühl, was verändern zu können. Das ist ganz wichtig.
00:29:22: Also diese drei Dimensionen, materielle Teilhabe, demokratische Teilhabe und soziale Anerkennung.
00:29:27: Wenn Erwerbsarbeit das gewährleistet, dann sorgt sie für soziale Integration.
00:29:32: Und wenn Menschen das erleben, das haben wir sehr umfassend erforscht,
00:29:37: dann sind sie tatsächlich weniger anfällig für antidemokratische Angebote.
00:29:41: Sie haben gerade schon vorhin über unterschiedliche Auswirkungen auf die Geschlechter auch gesprochen.
00:29:47: Wir wissen ja, dass auch Arbeit ungleich verteilt ist.
00:29:51: So arbeiten gerade Frauen mehr in unbezahlter Arbeit, aber sind unterrepräsentiert,
00:29:55: was Erwerbsarbeit angeht.
00:29:58: Hat das auch Einfluss auf die soziale Integration? Ja, würde ich schon sagen.
00:30:03: Interessanterweise nicht auf das Wahlverhalten. Also Frauen wählen häufiger
00:30:08: noch als früher rechtsextrem, aber immer noch seltener als Männer.
00:30:13: Aber ich glaube schon, das haben wir uns in der Pandemie auch angeguckt.
00:30:18: Ich formuliere das bewusst vorsichtig, weil das ist noch nicht so richtig belastend
00:30:21: erforscht, aber Frauen haben gerade in der Pandemie schon oder Mütter vor allen
00:30:25: Dingen natürlich diese Erfahrung gemacht, dass an sie Erwartungen herangetragen
00:30:30: werden, die sie eigentlich nicht erfüllen können.
00:30:32: Und das ist natürlich eher nicht, das ist ja das Gegenteil von Integration,
00:30:35: nämlich einerseits die unbezahlte Sorgearbeit zu machen und andererseits,
00:30:39: und es wird ja auch zunehmend jetzt immer wieder formuliert,
00:30:42: wir müssen alle mehr arbeiten und irgendwie vier Tage Woche bringt Deutschland
00:30:47: nicht voran und so weiter und so weiter.
00:30:49: Und es sind natürlich Widersprüche und widersprüchliche Anforderungen,
00:30:54: die Frauen individuell für sich lösen müssen und an denen sie faktisch ja nur
00:30:57: scheitern können, weil es einfach nicht geht.
00:30:59: Und in dem Kontext sind dann eher antifeministische Angebote natürlich schon
00:31:06: attraktiv, weil sie zumindest mal, wenn natürlich auch mit einem total rückständigen Frauenbild,
00:31:12: diesen Widerspruch auflösen, indem sie signalisieren, du musst gar nicht erwerbstätig sein.
00:31:17: Und natürlich irgendwie mit einer zwar ideologischen Aufwertung von Mütterlichkeit
00:31:23: und klarer antifeministischer Perspektive, aber natürlich Sorgearbeit anerkennen,
00:31:31: was eben häufig nicht passiert in der gesellschaftlichen Realität.
00:31:37: So, jetzt kommen wir zu der großen Frage, was kann dann getan werden?
00:31:41: Also wie können wir das zunehmen, soziale Ungleichheiten abbauen oder wie können
00:31:47: wir auch das stärker ausgleichen?
00:31:49: Wo sind da die Verantwortungen vielleicht der Politik, aber was können wir auch selber tun?
00:31:53: Also tatsächlich würde ich denken, beim Abbau von Ungleichheiten ist es tatsächlich
00:31:58: schwierig, individuell jeder was zu tun.
00:32:00: Also klar, wenn man viel hat, kann man was abgeben, aber das wird es jetzt nicht
00:32:03: so rausreißen, nehme ich mal an. Ich hatte eben eins noch vergessen,
00:32:06: was natürlich für den Vermögensaufbau eine Riesenrolle spielt, das Erben.
00:32:10: Und natürlich wäre eine Besteuerung eine andere, also ich bin keine Steuerexpertin,
00:32:14: aber eine fairere Versteuerung von Einkommen und Vermögen und vor allen Dingen
00:32:19: Erben würde erstmal enorme gesellschaftliche Mittel auch mobilisieren,
00:32:24: die man dann ja auch für Dinge nutzen könnte,
00:32:26: für Ausbau von Sozialstaat, auch wichtige Strukturen.
00:32:30: Wodurch Menschen Teil der Gesellschaft werden.
00:32:32: Und bei der Einkommensungleichheit muss man sagen, dass wir jetzt in den letzten
00:32:38: Jahren, und da muss man jetzt einfach mal gucken, also der Niedriglohnsektor
00:32:41: ist tatsächlich ein bisschen zurückgegangen.
00:32:43: Wir haben zwar nach wie vor eine Zunahme der Armut durch Corona gehabt,
00:32:46: aber es gab auch schon in dieser zumindest sozusagen der untersten Mittelschicht,
00:32:51: so kurz über den Armen, da gab es so ganz zum Schluss, also vor Corona auch
00:32:54: noch eine durchaus eine positivere Einkommensentwicklung.
00:32:57: Aber die Sorge ist schon, dass das alles auch gestoppt worden ist.
00:33:00: Wir hatten eine Erhöhung des Mindestlohns, die positive Effekte hatte,
00:33:05: aber im Prinzip rapizappi wieder von der Inflation aufgefressen worden ist und
00:33:09: dann wurde nicht nachgezogen.
00:33:10: Das heißt, also ich glaube, eine Erhöhung eines armutsfesten Mindestlohns auf
00:33:15: 14, vielleicht 15 Euro wäre sinnvoll und nötig und auch zu verkraften.
00:33:20: Und das andere ist natürlich, dass wir Erwerbsarbeit absichern müssen und sozusagen
00:33:24: diese Verteilungsfunktion, die der Arbeitsmarkt ja hat, das darf man nicht vergessen.
00:33:29: Also über den Arbeitsmarkt wird ganz viel auch verteilt an Einkommen und Vermögen
00:33:34: und die muss man eben stärken.
00:33:36: Und da, jetzt komme ich vom gewerkschaftsnahen Institut, aber ich sage es nicht,
00:33:40: weil ich dafür bezahlt werde.
00:33:43: Sondern sie haben mich genommen, weil ich durch meine Forschung schon immer
00:33:47: diese Auffassung war, Tarifbindung ist einfach ein ganz zentraler Mechanismus.
00:33:51: Also das wieder zu stärken, um eine vernünftige Lohnstruktur,
00:33:55: das auch übrigens nochmal, was Geschlechterungleichheiten angeht,
00:33:58: hinzubekommen, das würde ich schon für einen ganz wichtigen Schritt halten.
00:34:01: Haben Sie jetzt ja schon einige Aufgaben sozusagen für die Zukunft genannt.
00:34:06: Und deswegen kommen wir jetzt auch gleich schon zu Ihrer Flaschenpost an die Zukunft.
00:34:11: Was schreiben Sie da rein? Was haben wir in den nächsten zehn Jahren geschafft,
00:34:16: um einen stärkeren gesellschaftlichen Zusammenhalt zu haben und auch eine resiliente Demokratie?
00:34:22: Ja, manchmal frage ich mich, schaffen wir das?
00:34:26: Aber wenn wir es schaffen, dann glaube ich, dass es tatsächlich gelingen muss.
00:34:32: Für die großen gesellschaftlichen Aufgaben, vor denen wir stehen,
00:34:35: Vermögen zu mobilisieren.
00:34:37: Und wenn das in zehn Jahren gelungen ist und wenn es gelungen ist,
00:34:41: zum Beispiel die sozial-ökologische Transformation sozial abzufedern und fair zu gestalten.
00:34:48: Dann ist die Gesellschaft vielleicht an vielen Punkten auch eine bessere geworden.
00:34:52: Und wenn sich das verbindet mit Angeboten zur gesellschaftlichen Teilhabe,
00:34:57: dann kann es auch gelingen, diese krisenhafte Phase zu überwinden der Demokratie
00:35:02: und auch als Demokratie gestärkt hervorgegangen zu sein.
00:35:06: Aber ich glaube, dafür müssen wir die Institutionen auch stärken,
00:35:08: zum Beispiel die Tarifbindung, zum Beispiel den Mindestlohn.
00:35:12: Aber das denke ich zunehmend auch immer mehr.
00:35:14: Das hat jetzt nicht so viel mit Ungleichheit zu tun oder am Rande haben wir es gestreift.
00:35:19: Wir müssen auch zum Beispiel, glaube ich, nochmal anders darüber nachdenken,
00:35:23: wie wir eigentlich die mediale Öffentlichkeit so gestalten können,
00:35:27: dass sie demokratisch bleibt und nicht vereinzelte Menschen sich den öffentlichen
00:35:32: Raum im Prinzip kaufen und den medialen öffentlichen Raum.
00:35:36: Vielen Dank für die Flaschenpost, Frau Kohlrausch. Vielen Dank auch,
00:35:39: dass Sie heute mit dabei sind.
00:35:41: Damit sind wir schon am Ende der 85. Folge von Friedrichs Flaschenpost,
00:35:45: dem Politik-Podcast aus Norddeutschland von der Friedrich-Ebert-Stiftung.
00:35:49: Danke euch, liebe Hörerinnen und Hörer und danke Ihnen nochmal, liebe Frau Kohlrausch.
00:35:54: Wir sprachen heute mit Prof. Dr. Bettina Kohlrausch, Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen
00:35:59: Instituts der Hans-Böckler-Stiftung und Professorin für gesellschaftliche Transformation
00:36:03: und Digitalisierung an der Universität Paderborn.
00:36:06: Tschüss und bis zur nächsten Folge, sagt Stine Klapper von der Friedrich-Ebert-Stiftung.
00:36:10: Macht es gut, sucht das Gespräch und natürlich bleibt politisch.
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