Folge 98 "Was kann politisches Kino, Carsten Brosda?"
Shownotes
Heute, am 24. September, startet das diesjährige Filmfest Hamburg. Die Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. ist seit 2013 Partnerin des Filmfests in der Veto!-Sektion – der Sektion für politische Filme, die alle für den Preis „Der politische Film“ der FES nominiert sind. Ein Anlass also für uns, mit Dr. Carsten Brosda, dem Hamburger Senator für Kultur und Medien, über das Filmfest zu sprechen.
In dieser Folge von Friedrichs Flaschenpost beschreibt Carsten Brosda, warum die Stadt das Filmfest Hamburg fördert und warum er auch persönlich Fan ist. Außerdem sprechen wir über die Möglichkeiten des politischen Films und es wäre nicht der Politikpodcast Friedrichs Flaschenpost ohne die gesellschaftspolitische Bedeutung von Kunst und Kultur allgemein zu beleuchten.
Wen das interessiert und wer sich noch ein paar Filmtipps vom Kultursenator abholen will, für den ist diese Folge genau die Richtige. Auch erfahrt ihr, ob Carsten Brosda eher auf lineares öffentlich-rechtliches Fernsehen oder auf private Screening-Dienste verzichten könnte. Hört rein!
Transkript anzeigen
00:00:01: Friedrichs Flaschenpost, der Politik-Podcast aus Norddeutschland von der Friedrich-Ebert-Stiftung.
00:00:07: Herzlich willkommen zu Friedrichs Flaschenpost, dem Politik-Podcast aus Norddeutschland
00:00:11: von der Friedrich-Ebert-Stiftung.
00:00:13: Vielen Dank, dass ihr eingeschaltet habt, sagt am Mikrofon Stine Klapper aus
00:00:16: dem Regionalbüro Nord der FES.
00:00:19: An dem Tag, an dem wir diese Folge von Friedrichs Flaschenpost auswerfen,
00:00:22: geht es los. Das Filmfest Hamburg.
00:00:25: Zehn Tage lang wird der Film, das Kino und ihre MacherInnen gefeiert.
00:00:29: In verschiedenen Sektionen werden unterschiedliche Genres präsentiert und wir
00:00:32: als Friedrich-Ebert-Stiftung freuen uns ganz besonders auf eine Sektion. Auf die Veto-Sektion.
00:00:38: Seit 2013 sind wir nämlich Partnerin beim Ausrichten von Veto.
00:00:42: Es heißt, die Filme der Veto-Sektion, das sind die Filme mit Ausrufezeichen
00:00:46: und das passt auch hervorragend, denn es sind politische Filme.
00:00:50: Am Ende des Filmfests vergeben wir den Regiepreis der politische Film,
00:00:54: der von einer unabhängigen Jury ausgewählt wird.
00:00:57: Über dieses Filmfest Hamburg und über den politischen Film, aber auch über die
00:01:01: Aufgabe der Kulturpolitik insgesamt, möchte ich in dieser Folge sprechen.
00:01:04: Und zwar mit einer Person, die sich damit auskennt. Mit Dr. Carsten Brosda,
00:01:09: dem Senator für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg.
00:01:12: Moin Carsten. Moin Stine. Ja.
00:01:14: Carsten, du bist seit 2017 Senator in Hamburg. Vorher warst du schon als Staatsrat
00:01:19: und in der Senatskanzlei in Hamburg tätig und zwar seit 2011.
00:01:25: Ursprünglich stammst du aus Gelsenkirchen und hast auch im Ruhrgebiet Journalistik
00:01:29: und Politikwissenschaft studiert und dort promoviert, bevor du nach Berlin gegangen
00:01:33: bist, zum SPD-Parteivorstand und ins Bundesministerium für Arbeit und Soziales.
00:01:39: Du bist als Kulturpolitiker weit jenseits der Tore Hamburgs bekannt und auch
00:01:43: als Autor. Und alle wissen, das ist der mit den Reden und gerade in unserer
00:01:47: Zeit so wichtigen Impulsen für die gesellschaftspolitische Debatte weit über
00:01:51: Fragen der Kultur- und Medienpolitik hinaus.
00:01:54: Ich freue mich sehr, dass du heute Gast bei Friedrichs Flaschenpost bist,
00:01:57: beziehungsweise dass ich Gast in der Behörde sein kann.
00:02:00: Schön, dass wir es gemeinsam machen können und vielen Dank für die Blumen,
00:02:03: wie das jetzt weitergeht hier. Gerne.
00:02:06: So, legen wir los. Und bevor ich gleich den ganz großen Bogen spannen werde,
00:02:10: möchte ich zum Einstieg einmal etwas anderes fragen.
00:02:13: Franz Müntefering hat mal gesagt, SPD-Vorsitzender zu sein, sei das schönste Amt neben dem Papst.
00:02:18: Wahrscheinlich würden viele Menschen diese beiden Jobs woanders einsortieren
00:02:22: in ihrer Rangliste. Aber Carsten Brosda, Hand aufs Herz, ist nicht Hamburger
00:02:27: Kultursenator das schönste Amt im deutschen Politikbetrieb?
00:02:30: Ich habe nicht alle anderen Ämter ausprobiert, aber es ist zumindest eines,
00:02:33: das wahnsinnig viel Spaß macht. und als Franz das damals gesagt hat,
00:02:37: war er ja auch nicht Hamburger Kultursenator und ist es danach auch nicht geworden.
00:02:41: Es ist auf jeden Fall eine Möglichkeit in einer Stadt,
00:02:44: die ja gar nicht immer in dem Ruch stand, ein Bewusstsein dafür zu haben,
00:02:49: wie viel Kultur sie eigentlich in sich birgt, jetzt zu wirken,
00:02:52: wo das tatsächlich doch etwas ist, was die Stadt und ihr Miteinander und auch die Politik prägt.
00:02:57: Und es macht einfach total Spaß, in einer Struktur zu sein, wo man auf der einen
00:03:02: Seite ganz kleinteilig mit einzelnen Künstlern sprechen kann über konkrete Projekte,
00:03:07: die man irgendwo im Stadtteil verwirklicht und auf der anderen Seite,
00:03:09: in den großen kulturpolitischen Debatten auf deutscher oder sogar auf europäischer
00:03:13: Ebene mitzumischen, weil Hamburg als Stadt ja auch gleichzeitig Staat ist und
00:03:17: damit auch als Land Teil der bundesweiten Diskussion.
00:03:20: Und diese Spannbreite und die Wirksamkeit, die sich daraus ergibt,
00:03:23: macht total Spaß, weil es eben nicht nur reden ist, sondern auch tatsächlich machen.
00:03:27: Reden ist vergleichsweise einfach, Dinge dann auch tatsächlich in die Welt zu
00:03:31: bringen und ihnen zum Gelingen zu verhelfen oder Rahmenbedingungen so zu bauen,
00:03:36: dass Künstlerinnen und Künstler.
00:03:38: Das Gefühl haben, hier kann ich auch Freiheiten leben und Dinge machen,
00:03:42: das macht wahnsinnigen Spaß.
00:03:44: Bei der Kulturpolitik machen wir auch gleich weiter, aber ich habe es schon
00:03:47: angekündigt, ich möchte einmal den ganz großen Bogen spannen.
00:03:50: Und der kommt jetzt. Und zwar der Staat und damit die SteuerzahlerInnen finanzieren
00:03:55: und verschiedene öffentliche Dienstleistungen und Güter und vieles davon kommt
00:03:59: einem vielleicht sehr offensichtlich vor. Schulen zum Beispiel,
00:04:02: Straßen auch, Sicherheit und so weiter.
00:04:04: Es stellt sich die Frage, warum finanziert die öffentliche Hand oder hier in
00:04:08: Hamburg die Behörde für Kultur und Medien denn Kunst und Kultur?
00:04:12: Wie begründet sich eigentlich diese Aufgabe?
00:04:15: Also erstmal könnte man, wenn
00:04:17: man in die Daten guckt und alle paar Jahre erhebt ja die Liz Mohn Stiftung
00:04:21: den sogenannten Kulturmonitor und fragt BürgerInnen ab, wie sie die Investitionen
00:04:27: und die staatliche Verantwortungsübernahme im Bereich kultureller Förderung,
00:04:30: kultureller Infrastruktur sehen.
00:04:33: Und da sehen wir Zustimmungsraten, gerade im letzten Monitor,
00:04:35: der ist, glaube ich, von Anfang 25, also schon ein bisschen her,
00:04:37: aber die aktuellsten Zahlen, die wir dazu haben,
00:04:40: eine Zustimmungsrate zu der Frage, soll der Staat dort rein investieren,
00:04:43: die ist genauso hoch wie die in den von dir genannten Bereichen Infrastruktur,
00:04:47: Schule, Wissenschaft, wo Bürgerinnen und Bürger sagen, das ist mir total wichtig,
00:04:50: teilweise sogar noch höher.
00:04:51: Wenn es um die Frage geht, glaubt ihr, dass ein Theater bei euch in der Stadt
00:04:53: eine Bedeutung hat, sagen teilweise bis zu 90 Prozent, ja, auf jeden Fall,
00:04:57: obwohl dann nur ein Drittel bis die Hälfte auf die Frage mit Ja antwortet,
00:05:01: wenn es darum geht, gehst du denn auch hin?
00:05:03: Das ist dann der Punkt. Das heißt, es ist mehr als nur ein Gewährleisten eines,
00:05:07: selbst wahrgenommenen Angebots, sondern schlicht auch ein Ausdruck des Anerkenntnisses,
00:05:13: dass das eine Gesellschaft ausmacht.
00:05:14: Und warum ist das so? Ich glaube, das hat viel mit dem historischen Gewachsensein zu tun.
00:05:19: Und tatsächlich ist das ein wesentlicher Bestandteil, was bestimmte Bereiche
00:05:23: und bestimmte Kunstformen gibt, die gehen ohne Förderung nicht.
00:05:25: Andere gehen ganz wunderbar ohne Förderung oder gehen in weiten Teilen ohne
00:05:29: Förderung. Der Buchmarkt funktioniert ohne Förderung weitgehend.
00:05:32: Die ist auch ein Förderprogramm für kleinere Literaturverlage hier aufgelegt,
00:05:36: aber eigentlich lange Jahrzehnte ohne.
00:05:38: Die Frage, kann ich Autorin Autor werden, wird schon komplexer bei der Frage.
00:05:43: Da brauche ich dann unter Umständen auch Förderinstrumente.
00:05:45: Also ich würde nicht sagen, es ist nur das Kunst, was gefördert wird staatlich.
00:05:49: Das wäre ein Fehlschluss. Aber es gibt Bereiche, die funktionieren nur,
00:05:52: weil wir als Staat öffentliche Verantwortung tragen.
00:05:56: Und das tun wir in unserer gesellschaftlichen Verfasstheit, weil unsere Gesellschaft
00:05:59: den Staat ja als ihr Instrument begreift, Dinge zu erledigen,
00:06:02: die uns allen wichtig sind.
00:06:04: Es ist ja nicht so, dass der Staat der Gesellschaft äußerlich ist,
00:06:06: sondern eine Stadtgesellschaft nutzt Senatsbehörden, um das zu machen,
00:06:11: was im Sinne des Allgemeinwohls passieren soll. und insofern
00:06:16: vermag ich mir gar nicht vorzustellen, wie das wäre, wenn man jetzt auf einmal
00:06:18: zu dem Ergebnis käme, das ist uns nicht mehr wichtig, da kommen wir da vielleicht
00:06:21: auch nochmal zu. Kunst ist ja schon Ausdruck eines Nachdenkens von Menschen
00:06:26: über die Welt, in der sie leben und über die Optionen, die man hat,
00:06:29: diese Welt zu verändern.
00:06:30: Und ich finde, es steht einer Gesellschaft sehr, sehr gut an,
00:06:33: auch das Nachdenken, das Imaginieren vor allen Dingen, das sich vorstellen von
00:06:38: Alternativen zu dem, was wir jetzt gerade durchleben, auch zu fördern und zu ermöglichen,
00:06:43: weil wir ja nur so eine Vorstellung davon bekommen, was wir noch sein könnten.
00:06:46: Genau, da möchte ich später auch noch weiter drüber sprechen.
00:06:50: Bleibe jetzt aber nochmal ganz konkret auch bei der Kulturpolitik oder überhaupt
00:06:54: bei politischen Entscheidungen.
00:06:55: Du hattest ja gerade gesagt, die Bevölkerung unterstützt das auch,
00:06:58: die will das auch. Die möchte auch, dass ihr Geld, sozusagen das Geld der Steuerzahler
00:07:03: in der Gesellschaft, das der Staat ausgibt, auch für Kultur ausgegeben wird.
00:07:07: Jetzt hören wir es aber ständig, die Wirtschaft läuft nicht so richtig rund,
00:07:10: die Haushaltslagen sind nirgendwo mehr gut. Und es gibt eigentlich nicht ausreichend,
00:07:14: um all das zu finanzieren, was wir als Gesellschaft vielleicht wollen.
00:07:18: Und wir BürgerInnen haben ja so ein bisschen das Privileg, dass wir dann nicht
00:07:20: entscheiden müssen direkt, was in was reingeht.
00:07:24: Wird es denn weiter gelingen, die gerade beschriebenen Aufgaben und auch die
00:07:28: Funktion, die du gerade ja schon angedeutet hast, die ja eben in Konkurrenz
00:07:31: zu anderen Politikbereichen auch steht, weiter so der Aufgabe gerecht zu bleiben?
00:07:36: Das ist die Aufgabe, vor der wir miteinander stehen. Ich meine,
00:07:38: Politik ist immer der Umgang mit knappen Ressourcen.
00:07:40: Wenn wir Ressourcen im Überfluss hätten, bräuchten wir an vielen Stellen nicht
00:07:45: die politischen Aushandlungsprozesse, die dann zur Entscheidung tatsächlich führen.
00:07:48: Insofern gibt es ja kluge Politikwissenschaftler, die auch sagen,
00:07:51: Politik fängt da an, wo es quasi um den Umgang mit Knappheit dann auch geht
00:07:55: und wo man sich entscheidet, das nicht über marktwirtschaftliche,
00:07:57: sondern über gesellschaftliche Strukturen zu organisieren.
00:08:00: Und selbst die Frage, ob man das so rum oder so rum organisiert,
00:08:03: ist ja eine politische Frage und kein Naturgesetz.
00:08:06: Insofern glaube ich schon, dass wir da tatsächlich eine Situation haben,
00:08:11: die vielleicht ein bisschen zugespitzter ist, als es in früheren Jahren oder
00:08:14: Jahrzehnten war, weil die Lage wirklich gerade enger wird, aber im Grundsatz nichts Neues ist.
00:08:19: Also ich bin in Gelsenkirchen aufgewachsen, da haben wir in den 80er Jahren
00:08:22: bei jedem kommunalen Haushalt, den in der Stadt aufgestellt worden ist,
00:08:25: über die Zukunft des Musiktheaters in der Stadt diskutiert, weil die Frage,
00:08:28: können wir uns das noch leisten, damals auf der Tagesordnung stand,
00:08:31: das Theater gibt es immer noch.
00:08:32: Insofern kann man sich auch immer wieder auch in schwierigen Lagen dafür entscheiden.
00:08:37: Was sicherlich die Problematik gerade ist, ist, dass wir, und das darf man auch
00:08:41: nicht kleinreden, nach mehreren Jahren Nullwachstum
00:08:45: einfach erleben, dass das nicht funktioniert für eine Gesellschaft,
00:08:48: die tatsächlich darauf ausgelegt ist, ein bestimmtes Anspruchsniveau zu halten.
00:08:52: Das heißt, die Frage, wie kriegen wir es wirtschaftlich wieder ans Laufen,
00:08:55: ist eine Grundbedingung dafür, dass wir auch als öffentliche Hand förderfähig
00:08:58: und handlungsfähig bleiben. Auch da glaube ich aber.
00:09:02: Kann Kultur auf eine sehr mittelbare Art und Kunst auf eine sehr mittelbare
00:09:06: Art dazu beitragen, nicht im Sinne von wir fördern jetzt um was zu erreichen,
00:09:11: aber dass man in den Künsten sieht, wozu wir fähig sind, befähigt uns ja auch
00:09:16: Dinge zu tun, die vielleicht notwendig sind an Veränderungen in den Bereichen,
00:09:20: in denen es dann um genuine Wertschöpfung auch im materiellen Sinne und nicht
00:09:23: nur im sinnsuchenden Bereich geht.
00:09:26: Insofern glaube ich schon, dass selbst bei diesen vermeintlichen Brot- und Butterfragen,
00:09:29: die wichtiger immer so zu sein scheinen, das durchaus helfen kann,
00:09:34: sich auf die Künste einzulassen.
00:09:36: Und letzter Punkt, ich glaube, ein Stück weit ist diese Debatte darüber,
00:09:40: ja, ja, die anderen Sachen sind wichtiger, manchmal auch so ein gefühltes Momentum,
00:09:46: dass wir im Kulturbereich uns auch selber einreden oder einreden lassen.
00:09:50: Wir haben gerade vor ein paar Tagen den Musikdialog hier in Hamburg gehabt,
00:09:53: als wir das Reeperbahn Festival eröffnet haben, hatten die Musikbranche da und
00:09:57: haben uns mit dem Nutzungsverhalten von Musik hören bei jungen Leuten befasst
00:10:02: und Studien dazu gehabt.
00:10:03: Und die Zuschreibung, wie wichtig Musik ist im Alltag, das kann man für Filme,
00:10:08: glaube ich, in ähnlicher Weise erheben, da habe ich jetzt die Daten und nicht,
00:10:10: die anderen sind mir jetzt gerade präsent, das ist enorm.
00:10:12: Also es liegt teilweise oberhalb von Social Media, wo wir denken,
00:10:15: es gibt nichts anderes, was 14-, 15-, 16-Jährige mehr machen als Social Media.
00:10:18: Ich kann sagen, doch, gibt es.
00:10:20: Zumindest bei Mädchen hängt die Musik noch da drüber. Bei den Jungs kommt sie knapp hinter den Games.
00:10:25: Also das ist ein enormer Bestandteil auch von Emotion und von den eigenen Alltag mit Sinn füllen wollen.
00:10:33: Und da als Gesellschaft mit Achselzucken zu sagen, nee, ist jetzt aber wichtiger,
00:10:37: dass wir ausschließlich dafür sorgen, dass Brücken funktionieren.
00:10:40: Natürlich müssen die Brücken tragen, aber damit erschöpft sich der politische
00:10:43: Auftrag nicht, sondern die Frage, wer wollen wir eigentlich sein?
00:10:47: Die sollten wir uns auch zutrauen zu beantworten und den beantwortet man nun
00:10:50: mal maßgeblich in der Kunst.
00:10:51: Sonst bauen wir irgendwann die Brücken auch gar nicht mehr. Oder wir können
00:10:54: uns nicht mehr vorstellen, wie wir sie bauen.
00:10:56: Und wir können uns vor allem auch nicht mehr vorstellen, was so gesellschaftlich
00:10:58: vor uns liegt. Also nehmen wir mal die Debatte über KI im Moment.
00:11:02: Alle sind ja gerade so aufgeregt oder sind vielleicht auch objektiv aufgeregt,
00:11:07: wenn man mal so in die Filmgeschichte zurückguckt.
00:11:11: HAL 9000 bei Stanley Kubrick oder Her, damals der Film, wo sozusagen er sich
00:11:17: in diese KI da verliebt und dergleichen mehr.
00:11:20: Das sind alles Phänomene, die damals zu einem Zeitpunkt, zu dem es technisch
00:11:24: nicht ging, die Prognose da war, dass es sein könnte, künstlerisch schon mal
00:11:28: durchdacht worden sind, bis in die letzte Verästelung von Mensch-Maschine-Interaktion.
00:11:32: Und manchmal stellt man fest, dass diese künstlerischen Näherungen an technologische
00:11:38: Optionen näher dran sind, als das, was die Wissenschaft uns zur gleichen Zeit gesagt hat.
00:11:43: Ich erinnere mich immer, es gibt ein Buch von Nicholas Negroponte,
00:11:46: der immer der große Vordenker der Digitalisierung war in den 80er, 90ern.
00:11:49: Der hat irgendwie dieses Total Digital, war ein riesen Bestseller damals.
00:11:53: Er hat sich damals auf den Standpunkt gestellt, der Chef des MIT,
00:11:56: also sozusagen der Technikuniversität der Welt, und hat damals in dem Buch die
00:12:00: These aufgestellt, was nie klappen würde, digital sei Spracherkennung,
00:12:05: weil es keine Eindeutigkeit von gesprochenem Laut und Schriftsprache gibt.
00:12:09: Einzige Ausnahme sei das Türkische, weil das Türkische irgendwann mal auf unser
00:12:13: Alphabet umgestellt hat und deswegen eine Lauteindeutigkeit hat.
00:12:16: Während es ansonsten immer changieren zwischen den Zeichen gibt, das wäre nicht zu lösen.
00:12:21: Wir wissen mittlerweile, diese Prognose ist nicht gut gealtert,
00:12:25: obwohl er wirklich eine Autorität gewesen ist.
00:12:27: Und insofern, und zu gleicher Zeit sind Serien entstanden, sind Filme entstanden,
00:12:31: in denen selbstverständlich Menschen mit einer Maschine interagiert haben und
00:12:35: die sich verstanden haben.
00:12:35: Denken wir an die Serie Knight Rider, die sozusagen damals mit David Hasselhoff
00:12:39: im Fernsehen lief und wahrscheinlich unser aller Alltag nicht unbedingt verbessert hat.
00:12:43: Da ist manchmal sind die Künste und diejenigen, die spinnen und überlegen,
00:12:46: was könnte denn sein, dichter dran an dem, was nachher passiert,
00:12:49: weil sie einfach Möglichkeitsräume ausloten.
00:12:51: Und diese Möglichkeitsräume brauche ich ja, wenn ich überhaupt eine Vorstellung
00:12:55: davon haben will, was ich in dieser Welt noch so anrichten kann, hoffentlich zum Guten.
00:12:59: Es ist natürlich auch manchmal unterhaltsam, in welche Richtung Filme,
00:13:04: Musik oder auch Romane vorgedacht haben, die dann doch nicht eintreten.
00:13:07: Manchmal auch ganz gut so. Aber so öffnet definitiv die Räume,
00:13:11: genau, von dem, was möglich ist.
00:13:13: Ich will jetzt auf ein Thema kommen, zu dem wir eigentlich auch sprechen wollen,
00:13:17: und zwar spezieller zum Thema Film und erstmal vielleicht auch nochmal in Verbindung,
00:13:22: zu dem, was wir vorher besprochen haben, zu der politischen Abwägung auch,
00:13:26: was finanziert wird oder nicht.
00:13:28: In Hamburg habt ihr die Filmförderung verstetigt, also über natürlich das Filmfest,
00:13:32: worüber wir auch noch sprechen wollen, hinaus eben die Filmförderung verstetigt.
00:13:36: Was ist denn die Motivation, das Interesse der Behörde in diesem Bereich?
00:13:41: Naja, Hamburg ist eine Stadt, in der Film eine große Rolle spielt und das auch
00:13:45: schon über viele, viele Jahrzehnte hinweg.
00:13:46: Die Filmförderung hier war ja im Prinzip die erste Filmförderung dieser Art,
00:13:51: die es überhaupt in Deutschland gab.
00:13:52: Die heutige MOIN, die wir gemeinsam mit Schleswig-Holstein betreiben und dass
00:13:56: Film gefördert werden muss, weil
00:13:58: die hohen Investitionen, die so eine Filmproduktion mit sich bringt, eben
00:14:02: nicht alleine am Markt als Risiko aufgenommen werden können,
00:14:06: sondern wenn man will, dass gute Filme entstehen, dass auch anspruchsvolle Filme
00:14:09: entstehen, dass aber auch reichweitenstarke Filme entstehen.
00:14:11: Braucht es Förderung. Ich glaube, da sind sich mittlerweile alle einig.
00:14:14: Und die Schwierigkeit, die wir in Hamburg haben, ist, wir sind vergleichsweise
00:14:16: wenig Einwohner, selbst mit Schleswig-Holstein und haben insofern vom Steueraufkommen
00:14:20: gar nicht die Möglichkeit, die große Flächenländer haben.
00:14:23: Und insofern haben wir lange Jahre nominell deutlich weniger Filmfördermittel
00:14:27: zur Verfügung gestellt als jetzt die großen Flächenländer. Und das ist ja für
00:14:31: denjenigen, der Filme produziert, völlig egal, ob da jetzt 18 Millionen oder
00:14:34: 1,8 Millionen Menschen hinterstehen.
00:14:36: Entscheidend ist, welche Fördersummen sind möglich, sodass wir schon im letzten
00:14:39: Doppelhaushalt gesagt haben, wir legen 5 Millionen drauf.
00:14:41: Und es ist jetzt zumindest im Entwurf des Senats zur Zeit, also die Bürgerschaft
00:14:46: hat auch nicht beschlossen und sie ist ja de facto dann auch die Budgetgeberin,
00:14:50: können wir diese 5 Millionen Aufstockung verstetigen, was ein wichtiges Signal
00:14:54: war, weil das nicht zwingend klar war angesichts der Haushaltslage, dass das geht.
00:14:57: Und der Hintergrund ist, dass wir Filmproduktion in Hamburg weiter ermöglichen
00:15:01: wollen, dass wir der lebendigen Filmszene, die wir hier haben und es sind unglaublich
00:15:05: viele Filmkreative in der Stadt, leben hier, arbeiten hier, können hier noch
00:15:10: mehr arbeiten, gehen teilweise zum Arbeiten immer noch woanders hin.
00:15:13: Die Stadt hat noch wahnsinnig viele Optionen, ebenso wie Schleswig-Holstein
00:15:16: auch was Drehorte und Motive angeht, die noch nicht so abgespult sind,
00:15:20: wie das in vielen anderen Regionen des Landes ist, sodass wir einfach ein Interesse daran haben,
00:15:25: dass hier Dinge entstehen, die auch ein anderes Bild unserer Gesellschaft zeigen,
00:15:30: weil wir natürlich eigentlich auch zumindest ein Interesse daran haben sollten, dass,
00:15:33: so eine norddeutsche, stadtrepublikanische, liberale Lebensweise,
00:15:38: wie sie die Metropole Hamburg ausmacht, vielleicht auch mal zum Background von Filmen wird.
00:15:41: Und damit auch dem Land eine Vorstellung davon gibt, wie es auch sein kann.
00:15:46: Ich komme immer wieder auf diese Imaginationskraft zurück. Und die ist im Film
00:15:49: natürlich maßgeblich evident.
00:15:51: Und jemand hat mal so schön gesagt, Fatih Akin, der ja hier in der Stadt viel
00:15:54: dreht, ist eigentlich der moderne Heimatfilmer. Deswegen war es auch plausibel,
00:15:58: dass er Amrum gemacht hat, das seinen vorletzten Film und auf einmal wirklich
00:16:01: tatsächlich fast ins Genre geht, dann auch im historischen Kontext.
00:16:04: Aber auch seine frühen Filme, die hier im kleinen kriminellen Milieu in Hamburg
00:16:08: spielen, sind am Ende des Tages Heimatfilme.
00:16:12: Sie zeigen aber die Heimaten einer multikulturellen Gesellschaft,
00:16:14: die sich ganz anders definieren als das, was ich in meiner Kindheit dann hatte,
00:16:18: wenn die irgendwie alle immer gefühlt mit Lodenmänteln und Volkslieder singt,
00:16:21: durch den grünen deutschen Wald gelaufen sind.
00:16:23: Und ich gesagt habe, diese Heimat möchte ich nicht, behaltet die für euch.
00:16:26: Dann entdeckt man in anderen Filmen die Heimaten wieder.
00:16:28: Oder wenn İlker Çatak hier Das Lehrerzimmer dreht und einfach in so einen Schulalltag
00:16:33: eintaucht und man die Hamburger Schule erkennt, an der er das macht,
00:16:37: dann verortet das auch Stoffe hier und daran haben wir natürlich ein Interesse als Stadt.
00:16:40: Neben den wirtschaftlichen Effekten, die wir uns erwünschen für alle Gewerke,
00:16:43: die hier sind, geht es auch um die Bilder, die wir von uns produzieren und da
00:16:47: finde ich Bilder aus Hamburg jetzt nicht schlimm.
00:16:50: Nö, die finden wir, glaube ich, alle gut.
00:16:52: Wenn wir jetzt aufs Filmfest Hamburg schauen, was ist denn da etwas an dem Filmfest,
00:16:58: was dir persönlich besonders gefällt, wo du sagst, das ist so,
00:17:01: das macht auch das Filmfest Hamburg aus?
00:17:03: Da gibt es ganz viel. Zwei Dinge will ich aber, oder drei Dinge will ich besonders
00:17:06: nennen. Das eine ist die Internationalität des Filmfests und auch den Wunsch,
00:17:12: ja, die großen Filme zu zeigen, die sozusagen gerade anlaufen.
00:17:16: Da weiß ja aber auch jeder, dass man nicht zur Berlinale an der Relevanz,
00:17:20: was das ganz große Glamour-Kino angehen kann, da heranreichen will.
00:17:24: Das will auch gar keiner.
00:17:25: Sondern es ist schon, dass das Internationale und das auch Stoffe und Positionen
00:17:30: und Filme zeigen, die sonst vielleicht gar keine Chance hätten,
00:17:33: auf eine Leinwand zu kommen in Deutschland.
00:17:35: Und ich weiß nicht, ob ich jemals einen nepalesischen Film gesehen hätte,
00:17:39: wenn ich nicht auf dem Filmfest Hamburg gewesen bin und dergleichen mehr.
00:17:43: Also solche Momente dann auch zu haben und zu sehen, wie vielfältig auch der
00:17:47: Blick auf Welt überall in der Welt ist.
00:17:49: Da finde ich, ist das Filmfest Hamburg immer eine riesen Entdeckungsreise.
00:17:52: Man wünschte sich in meinem Job, man hätte die Zeit einfach zu sagen,
00:17:54: ich nehme die zehn Tage frei und mache nichts anderes.
00:17:57: Das ist leider nicht so. Ich bin dies Jahr noch nicht mal zur Eröffnung leider
00:17:59: da, weil ich das Opernhaus in Köln eröffnen darf als Bühnenvereinspräsident,
00:18:03: was auch total nett ist. Aber da schlagen schon so zwei Herzen in meiner Brust. Das ist das eine.
00:18:08: Das zweite ist, dass es ein unglaublich eng mit dem Publikum verbundenes Filmfest
00:18:13: ist, was wahnsinnigen Spaß auch macht, wenn man sieht, wie große Kraft auch
00:18:19: da reingesetzt wird, Bürgerinnen und Bürger anzusprechen, die Angebote wahrzunehmen.
00:18:23: Das hängt zusammen damit, dass schon unter Albert Wiederspiel und jetzt auch
00:18:27: unter Malika Rabahallah eine unglaublich empathische Filmfestleitung da ist.
00:18:31: Man merkte beiden an, sowohl Albert als auch Malika und sie ist ja seine Wunschnachfolge,
00:18:37: wann hat man das auch mal, dass das so ist und so gut geht, dass die auch einfach
00:18:40: dafür brennen, gute Gastgeber sein zu wollen für die Stadtgesellschaft, die dann kommt.
00:18:46: Und das dritte, was sich tatsächlich zu dir entwickelt, und das finde ich total
00:18:48: spannend, ist, dass das Filmfest immer mehr auch zu dem Treff der Filmwirtschaft
00:18:52: und der Filmbranche im Herbst wird. Also es ist sozusagen der Auftakt, jetzt geht's los.
00:18:56: Und man merkt auch, es kommen auch alle nach Hamburg. Und es haben sich jetzt
00:18:59: ganz viele zusätzliche Institutionen hier noch, sozusagen oder Veranstaltungsformate
00:19:03: sich hier noch angesiedelt, die nach Hamburg gekommen sind, weil sie gesagt
00:19:06: haben, das ist der Ort, an dem wir sein wollen, wenn wir quasi ins Herbst- und
00:19:09: Weihnachtsgeschäft starten.
00:19:11: Und das tut uns natürlich auch gut, wenn wir dann neben der Szene Hamburg,
00:19:14: die wir jetzt haben, wo die Kinoverleiher sich kurz vor der Sommerpause treffen,
00:19:18: kommen dann quasi zum Auftakt der Herbstsaison.
00:19:21: Wir haben ja gerade darüber schon gescherzt, dass im September alles wieder
00:19:24: so losgeht und der Kalender so dicht wird.
00:19:26: Wenn dann der Film in Hamburg stattfindet und zeigt, was im nächsten Monat los
00:19:29: ist, ist das super. Also das sind, glaube ich, drei Punkte, mit denen man strategisch
00:19:33: sehr gut mit dem Filmfest weiterarbeiten kann. Und das machen die Kollegen da ganz wunderbar.
00:19:37: Absolut. Einige Aspekte davon möchte ich nachher nochmal aufgreifen auch.
00:19:42: Aber jetzt machen wir einen Cut erstmal, weil wie in unserem Podcast üblich,
00:19:47: möchten wir ja auch mehr über unseren Gast noch erfahren.
00:19:49: Du warst schon einmal zu Gast bei Friedrichs Flaschenpost. Das war Folge 3.
00:19:54: Jetzt sind wir bei Folge 98.
00:19:57: Das heißt, es ist schon eine Weile her, dass du zu Gast warst.
00:19:59: Das heißt, du erinnerst dich wahrscheinlich auch nicht mehr an Friedrich Fragt, oder?
00:20:03: Ich erinnere mich an das Format. Wenn ihr mir jetzt die gleichen Fragen stellen
00:20:07: würdet, bestünde die Gefahr, dass ich andere Antworten gebe,
00:20:09: weil ich meine damaligen Antworten definitiv nicht mehr erinnere.
00:20:11: Das ist jetzt genau der Test, die Konsistenz. Halleluja, okay.
00:20:15: Nee, genau. Es ist nicht. Es ist wieder einfach nur Spontanität gefreut.
00:20:18: Es sind andere Fragen. Sehr gut, da beruhige ich mich.
00:20:21: Das ist kein Test. Und die stehen auch untereinander in keinem Zusammenhang.
00:20:24: Und kommen aus unterschiedlichen Richtungen. Einzige Regel ist spontane Antwort.
00:20:29: Okay, dann legen wir los.
00:20:30: Und zum Aufwärmen nochmal, weil es so lange her ist, der Hamburger Klassiker Alster oder Elbe? Elbe.
00:20:37: Jetzt ein bisschen auf Herkunft und aktuellen Wohnort anspielend.
00:20:40: Fischbrötchen oder Currywurst? Currywurst.
00:20:43: Ganz klar. Tee am norwegischen Fjord oder Kaffee auf einer italienischen Piazza?
00:20:47: Hängt von der Jahreszeit ab, aber da ich im Sommer in Italien war,
00:20:50: wäre ich gerade bei Kaffee auf einer italienischen Piazza.
00:20:53: Und jetzt ein bisschen mehr zum Thema Film. Im Kino ganz hinten oder Mitte Mitte? Hinteres Drittel.
00:21:00: Nie wieder lineares öffentlich-rechtliches Fernsehen oder nie wieder kommerzielle
00:21:04: Streaming-Dienste gucken?
00:21:06: Boah Gott, das kann ich nicht entscheiden.
00:21:11: Das geht nicht. So persönlich? Ich kann es auch persönlich nicht entscheiden,
00:21:15: weil ich beides brauche.
00:21:17: Ich würde wahrscheinlich als Demokrat in der Abwägung sagen,
00:21:20: dann verzichte ich auf die Streaming-Dienste.
00:21:22: Wenn ich mir aber ausmale, was ich dann alles an großartigen Erlebnissen und
00:21:25: Serienerlebnissen der letzten Jahre verpasst hätte, wäre das schon sehr schmerzhaft,
00:21:29: sowas wie Andor und Pluribus nicht gesehen haben zu können. insofern.
00:21:34: Aber Pistole auf der Brust, dann ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk wichtiger.
00:21:37: Das ist die richtige Antwort natürlich in dem Setschen. Der Medienpolitiker
00:21:40: in mir muss das so sagen, aber mein Zögern ist aufwand. Genau,
00:21:45: das ist alles aufgenommen, wird nicht rausgeschnitten.
00:21:48: Romantik, Komödie oder Thriller? Thriller.
00:21:51: Und jetzt nochmal eher zu Person. Ich kann es jetzt hier sehen,
00:21:54: ich frage es trotzdem, weil die HörerInnen es ja nicht sehen können.
00:21:56: Aufgeräumter Schreibtisch oder produktives Chaos?
00:22:00: Also das ist hier die extrem aufgeräumte Variante. Normalerweise ist er deutlich
00:22:04: chaotischer, aber wir sind ja noch kurz nach der Sommerpause.
00:22:06: Das würden wir uns hier im Dezember treffen, sehe das anders aus.
00:22:09: Es geht leider zu oft in Richtung Chaos.
00:22:13: Rede schreiben oder Rede halten? Rede halten mittlerweile.
00:22:18: Wiedergeburt als Vogel oder als Fisch? Vogel. Und zum Schluss,
00:22:22: ich glaube die Antwort erahnen alle, ich würde es trotzdem fragen,
00:22:26: Bayreuther Festspiele oder Reeperbahn Festival? Reeperbahn Festival,
00:22:29: da komme ich gerade her. Ja, also insofern ist es vielleicht.
00:22:32: Genau, vielen Dank für die spontanen Antworten. Ein bisschen haben wir jetzt
00:22:35: schon mehr über dich, über Carsten Brosda erfahren, aber ich möchte nochmal ein
00:22:38: bisschen mehr über deinen Weg wissen.
00:22:40: Ich habe es schon erwähnt, du hast es schon erwähnt, du bist kein geborener
00:22:43: Hamburger, sondern kommst aus Gelsenkirchen.
00:22:46: Wie hat sich das geprägt? Wie hat sich das auch in Bezug auf Kultur vielleicht
00:22:49: geprägt? Weil das Ruhrgebiet ja doch auch eine sehr beeindruckende Transformation
00:22:53: hingelegt hat, auch was das angeht.
00:22:56: Ja, das Ruhrgebiet ist eine unglaublich dichte Kulturlandschaft.
00:22:59: Das glauben ja immer Leute, die von außen auf die Region gucken, gar nicht so sehr.
00:23:02: Und mich hat da persönlich sehr, sehr geprägt der langjährige,
00:23:07: ich glaube, 25 Jahre im Amt Kulturdezernent von Gelsenkirchen, Hans-Peter Rose.
00:23:11: Der war das von 1975 bis 2000, glaube ich.
00:23:14: Er war eine ganze Zeit auch ein persönlicher Freund meines Vaters.
00:23:17: Deswegen war der in unserer Familie immer sehr präsent. Und später,
00:23:20: als ich dann Lokaljournalist war, habe ich dann auch ganz viel mit ihm in den
00:23:24: unterschiedlichen Rollen zu tun gehabt, weil ich über seine Arbeit dann ja auch schreiben musste.
00:23:28: Und der war halt jemand, der ein unfassbar gutes Gespür dafür hatte,
00:23:33: wie man selbst die komplexesten Überlegungen dazu, was so Gesellschaft und Kultur
00:23:38: ausmacht, so erzählt, dass sie nicht an Komplexität und Relevanz verlieren,
00:23:42: gleichzeitig aber nahbar für Bürgerinnen und Bürger seiner Stadt gewesen sind.
00:23:47: Sonst bleibst du ja nicht 25 Jahre im Amt und hat diese Stadt wahnsinnig geprägt,
00:23:50: wahrscheinlich ähnlich wie Hilmar Hoffmann Frankfurt geprägt hat,
00:23:53: bloß dass über Frankfurt alle reden, über Gelsenkirchen nicht alle.
00:23:56: Und das hat mich immer beeindruckt und trägt mich bis heute ein Stück weit als
00:24:02: einen Anspruch an sich selbst, die Kultur eben nicht zu diesem Blasending zu
00:24:07: machen, was dann ja auch so leicht geht.
00:24:09: Und dann treffen sich immer die Paar, die sich gegenseitig versichern,
00:24:11: dass sie total toll sind und vergessen, dass sie aber ja eigentlich gesamtgesellschaftlich
00:24:15: wirken, sondern sich immer wieder auch zu fragen,
00:24:18: wie bringe ich das, was ich hier in Schwingung setzen kann im kleinen Kreis,
00:24:21: im Ästhetischen, in den Positionierungen, die ich dort vornehme.
00:24:24: Wie bringe ich das auch in die Gesellschaft hinein und wie mache ich das wahrnehmbar
00:24:27: in der Stadtgesellschaft?
00:24:29: Da findet man im Ruhrgebiet viele, viele gute Beispiele dafür,
00:24:32: wie das gelingen kann. Bis heute Kunst im öffentlichen Raum,
00:24:34: Serra-Skulpturen, bevor sie woanders aufkamen.
00:24:39: Da gibt es wahnsinnig tolle Dinge zu entdecken und ich kann das jedem nur empfehlen.
00:24:42: Es gibt mittlerweile Kulturreisen ins Ruhrgebiet. Das wäre zu meiner Jugend
00:24:45: noch nicht denkbar gewesen, dass jemand sowas anbietet.
00:24:48: Aber ich kenne viele Leute, die wiedergekommen sind, auch jetzt von der Manifesta,
00:24:51: die dort stattgefunden haben, und gesagt haben, ich muss da noch mal hin.
00:24:55: Ich habe nicht mal ansatzweise alles geschafft und ich habe so viele Sachen
00:24:57: noch entdeckt, die ich mir noch angucken muss, dass das schon wirklich eine.
00:25:03: Gegend ist, die in Deutschland immer noch unterschätzt wird.
00:25:06: Und das wiederum kenne ich, wenn du fragst, wie hat das geprägt?
00:25:09: Wenn man in meinem Alter, ich bin Jahrgang 74, also wenn man so in den 80ern
00:25:14: irgendwo hinkam, Nordseeurlaub war, in Cuxhaven am Strand war und dann irgendwie
00:25:18: sagte wir, ich komme aus Gelsenkirchen.
00:25:20: Man erntete so mitleidige Blicke, weil das war die Zeit, wo bei uns die Leute
00:25:24: mit den schwarzen Fahnen über
00:25:25: die Straßen gelaufen sind und gegen die Werkschließung demonstriert haben.
00:25:28: Und alle hatten so das Gefühl, okay, irgendwann machen die da das Licht aus.
00:25:31: Und sowas prägt halt von außen das Bild.
00:25:34: Und wenn man das so gespiegelt bekommt, prägt das auch einen selbst.
00:25:37: Und mein Vater hat immer so schön gesagt, man muss das kreuzgerade machen und
00:25:42: denen Kontra geben, wenn sowas passiert. Und das lernt man dann auch.
00:25:46: Das lernt man dann auch. Und du bist dann trotzdem auch weggegangen,
00:25:50: also hast erst noch im Ruhrgebiet auch studiert, Journalistik erst,
00:25:53: Politikwissenschaft, das hatte ich schon gesagt.
00:25:55: Und dann ging es aber erstmal weiter nach Berlin und zwar zum SPD-Parteivorstand
00:26:01: und dann ins Arbeitsministerium.
00:26:03: Und dann ging es über das Arbeitsministerium, dann irgendwann 2011 nach Hamburg.
00:26:08: Es ging noch einmal zurück in die Partei, weil die gehört ja der Ehre aber dazu.
00:26:12: Ich bin 2005 ins Arbeitsministerium gewechselt mit Franz Müntefering als seinen
00:26:17: Redenschreiber. Also damals wäre Redenschreiben noch die Antwort gewesen,
00:26:20: auch wenn Münte nie eine Rede gehalten hat.
00:26:22: Und dann kam Olaf Scholz 2007 und dann ist ja 2009 die Wahl verloren gegangen
00:26:27: und dann habe ich 2010, 2011 die Kommunikationsabteilung Willy-Brandt-Haus geleitet.
00:26:31: Das heißt, ich bin nochmal zurückgegangen, war da anderthalb Jahre und dann
00:26:34: kam der Anruf von Olaf Scholz, sag mal, hast du nicht Lust,
00:26:38: nach Hamburg zu kommen und das Amt Medien zu leiten, das ich in der Senatskanzlei einrichten will.
00:26:43: Ich will hier, dass die Medien stärkeren Schwerpunkt bekommen und da ich ja
00:26:46: eigentlich mal Journalist werden wollte, mittlerweile schon lernen musste,
00:26:48: du kommst aus der Politik in Journalismus nicht mehr zurück.
00:26:51: Und der naive Traum eines jeden Studierenden in dem Fachbereich natürlich ist,
00:26:55: irgendwann bist du bei einer der großen Marken in Hamburg und schreibst dann
00:26:58: für den Spiegel oder die Zeit. Das ist nicht gelungen.
00:27:02: Aber immerhin darf ich sie jetzt als Verlagshäuser betreuen,
00:27:05: ebenso wie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und anderes. So nah wie ich nochmal
00:27:08: rangekommen bin. Ist auch okay. Ist in Ordnung. Ist auch okay.
00:27:11: Also du bist sozusagen zu Medien zurückgekommen, hattest schon den journalistischen
00:27:15: Hintergrund und dann danach oder im nächsten Schritt auch wieder in die Kulturpolitik
00:27:19: etwas, wenn ich es richtig verstanden habe, was auch schon eigentlich früh bei
00:27:21: dir angelegt war in deiner Herkunft aus Gelsenkirchen.
00:27:26: Du hattest gesagt, alles passiert dann ja doch immer zufällig.
00:27:28: Es sieht jetzt so ein bisschen aus wie so ein Kreis, der sich doch geschlossen hat da.
00:27:33: Ja, kann man so sagen. Das ist so ein bisschen was Zyklisches drin.
00:27:36: Also in der Tat, wenn du freie Mitarbeit bei einer Tageszeitung machst,
00:27:40: dann arbeitest du ja überwiegend am Wochenende.
00:27:42: Was ist am Wochenende? Da sind halt auch die Konzerte und Theaterstücke und
00:27:45: wenn die Redakteure da nicht hingehen wollen, dann kriegst du als freier Mitarbeiter halt die Aufträge.
00:27:48: Insofern ist ein guter Teil, neben den klassischen Taubenzüchtervereinigungstreffen,
00:27:54: Kanickel-Shows, die man natürlich auch alle hinter sich bringen muss,
00:27:56: war das schon auch ein wesentlicher Teil, dass ich relativ viel über.
00:28:00: Popkonzerte, über Theaterinszenierung und viel Kultur damals gemacht habe,
00:28:04: darüber geschrieben habe, eher aus Leidenschaft, weniger aus Kenntnis.
00:28:07: Und dazu dann zurückzukehren mit der Arbeit jetzt, das schließt tatsächlich
00:28:12: einen Kreis. Aber alles das, was ich gemacht habe, durch all die Jahre hinweg kreist
00:28:15: eigentlich immer um diese Frage, wie entstehen eigentlich öffentliche Räume?
00:28:19: Und wie entsteht ein öffentliches Gespräch über das, was eine Gesellschaft ausmacht?
00:28:23: Das war im Journalismus so, das ist in diesen Kulturfragen so,
00:28:27: das ist auch in diesen politischen Strukturfragen so.
00:28:30: Es treibt mich schon sehr um, dass es uns als Gesellschaft, wenn wir Demokratie
00:28:34: bleiben wollen, gelingen muss,
00:28:36: dass wir alle in der Öffentlichkeit vernünftig miteinander umgehen und das ist
00:28:40: so, wahrscheinlich seitdem mir mal mein Politikprof im ersten Semester den Strukturwandel
00:28:44: der Öffentlichkeit von Habermas in die Hand gedrückt hat, man hat eine Menge
00:28:47: angerichtet, das wusste er damals nicht, das wusste ich auch nicht.
00:28:50: Aber da hat sich mir echt so ein Lebensthema erschlossen, von dem ich nicht
00:28:53: wieder losgekommen bin.
00:28:55: Auf das will ich gleich im letzten Block auch nochmal eingehen und auch speziell
00:28:59: im Bezug auf den Film. Aber bevor wir den starten, ganz kurze Frage noch,
00:29:04: was ist eigentlich dein Lieblingsfilm?
00:29:06: Ich weiß nicht, ob ich einen Lieblingsfilm habe.
00:29:10: Ein Film, zu dem ich immer wieder zurückkehre, ist der Film Pride von 2014, 2015.
00:29:17: Die Geschichte erzählt, wie Schwule und Lesben aus London für walisische Bergarbeiter
00:29:22: sammeln, die sich im Streik befinden.
00:29:24: Ich finde es einfach einen wahnsinnig tollen, emotionalen Film.
00:29:28: Ich müsste jetzt wahrscheinlich filmhistorisch sowas wie die großen Citizen
00:29:33: Kane oder sowas sagen, die sind auch alle toll.
00:29:35: Aber das ist schon ein Film, wo ich tatsächlich irgendwann mal kurz die These
00:29:39: bei einer Veranstaltung aufgestellt habe.
00:29:40: Wenn man den Film Jagd auf Roter Oktober und Paddington Bear allen Leuten auf
00:29:44: der Welt zeigen würde, hätten wir 80 Prozent der Probleme der Menschheit schon gelöst.
00:29:48: Ich bin bereit, das durchzudeklinieren, aber das ist ein Film,
00:29:52: den ich immer wieder gerne gucke.
00:29:53: Und wenn ich ins Ruhrgebiet denke, muss ich jetzt auch sagen,
00:29:55: weil gerade vor kurzem Ralf Richter gestorben ist, Bang Boom Bang ist sicherlich
00:29:59: ein herausragendes Werk sozusagen der deutschen Kinogeschichte der letzten Jahrzehnte.
00:30:04: Zu dem kehre ich auch immer wieder zurück, aber aus anderen cineastischen Gründen.
00:30:08: Ja, das kann ich mir vorstellen.
00:30:09: Danke dir dafür und auch für die Empfehlungen vielleicht für alle,
00:30:12: die die noch nicht geschaut haben.
00:30:14: Genau, kommen wir nochmal zurück zu den verschiedenen Dingen,
00:30:17: die wir eigentlich schon angeschnitten haben und auch wieder erstmal mit dem
00:30:20: großen Bogen tatsächlich.
00:30:22: Du hast schon einiges dazu gesagt, aber ich möchte es trotzdem nochmal ansprechen,
00:30:25: weil es einfach so wichtig ist.
00:30:27: Wir sprechen gerade viel darüber, wie sehr unsere Demokratie unter Druck steht
00:30:30: und dass sich unsere Gesellschaft nicht nur polarisiert, sondern dass es uns
00:30:34: fast passiert, dass wir uns gar nicht mehr so richtig auf Aushandlungsmechanismen
00:30:38: einigen können, um gemeinsame Fragestellungen,
00:30:42: zu lösen und uns
00:30:44: auf Dinge einigen zu können überhaupt.
00:30:46: Welche Rolle kann und sollte Kunst und Kultur in dieser Gesellschaft,
00:30:50: in einer Gesellschaft spielen und gerade eben auch für die Demokratie?
00:30:56: Auf mehreren Ebenen. Also zum einen, und das haben wir tatsächlich schon ein
00:30:59: paar Mal angesprochen, Kunst hat diese Fähigkeit, Dinge in die Welt zu bringen,
00:31:02: die nur da sind, weil KünstlerInnen die Imaginationskraft besitzen,
00:31:06: sie in die Welt zu bringen und sie uns vorzuspielen.
00:31:09: Und wir sehen, dass man was anderes spielen kann als die Realitäten, in der wir leben.
00:31:12: Das ist eine Kraft, die man, glaube ich, in keinem anderen gesellschaftlichen
00:31:16: Bereich überhaupt in dieser Klarheit spüren kann.
00:31:18: Darüber hinaus können die Künste, kann der Film aber auch Realitäten,
00:31:22: die da sind, multiplizieren und an Orte bringen, an denen man diese Realitäten
00:31:26: sonst nicht nachvollziehen kann.
00:31:27: Künste können uns, auch das ist eine Fähigkeit, die uns gesellschaftlich momentan
00:31:32: manchmal abhanden kommt, Empathie lehren.
00:31:34: Also die Einfühlung in eine Position, deren Merkmale man selber im Alltag nicht
00:31:39: trägt oder jemandem dabei zusehen, wie er oder sie sich einfühlt in eine andere,
00:31:44: Position, ist ja auch eine Lehrstunde, die uns daran erinnert,
00:31:48: dass wir als Menschen genau dazu auch in unserem Alltag immer wieder aufgefordert
00:31:52: sind, weil wir sonst den anderen ja nicht begreifen, der oder die uns gerade gegenüber steht.
00:31:55: Auch dazu muss ich mich ja hineinversetzen können. Dieses, hat Elvis mal
00:31:59: gesungen, walk a mile in my shoes before criticizing abuse.
00:32:03: Auch das lerne ich aus den Künsten. Und immer wieder dann auch im Publikum der
00:32:09: Effekt, dass das, was wir dort sehen, Gespräch auslöst und Kommunikation auslöst
00:32:14: und ich auch einen Gegenstand bekomme, über den ich reden kann.
00:32:18: Immer noch quasi in einer Verlängerung dieses Als-ob-Modus des künstlerischen Produzierens selbst,
00:32:23: um dann anzufangen, auch über gesellschaftliche Zustände zu reden,
00:32:28: ohne unmittelbar über die gesellschaftlichen Zustände zu reden,
00:32:31: sondern das am Anfang noch in so einer ästhetisch-kulturellen Welt zu machen,
00:32:33: damit ein bisschen auch zugespitzter und vielleicht auch gefahrloser in den
00:32:37: Dissens gehen zu können,
00:32:39: ohne dass es sofort ein Angriff der anderen Position ist, weil es ja nicht darum
00:32:42: geht, das zu verteidigen, was man selber findet, sondern zu diskutieren,
00:32:45: wie man etwas empfunden hat.
00:32:47: Das ist auch eine Schule tatsächlich für den demokratisch aufgeklärten Umgang miteinander.
00:32:50: Und es ist ja kein Wunder, dass Habermas einen Strukturwandel der Öffentlichkeit erlebt.
00:32:55: Er beschreibt darin ja, wie das frühe Bürgertum das Diskutieren über Dinge von
00:32:59: öffentlichem Belang gelernt hat, indem es erst die Kunstwerke,
00:33:03: also die Literatur und das Theater und die Malerei den Höfen entrissen hat oder
00:33:07: der Kirche entrissen hat, gesagt hat, wir wollen das auch.
00:33:09: Und dann gab es die literarischen Salons, da wurde gelesen und da wurde gestritten.
00:33:13: Das ist eine urdemokratische Tugend, die man da lernen kann und die man bis heute lernen kann,
00:33:18: wenn es uns gelingt, die Räume offen zu halten und sie nicht vorher zu verschließen,
00:33:22: indem ich sage, da darf aber nur rein, wer sich vorher aus Gründen
00:33:26: der Achtsamkeit, des Respekts oder warum auch immer.
00:33:29: Quasi darauf committet hat, schon gut zu finden, was da passiert und alles,
00:33:33: was da nicht passiert, schlecht finden muss, sondern dass man durchaus auch
00:33:36: aushält, dass ein Werk unterschiedliche Reaktionen auslösen kann und man dann
00:33:40: eher diese unterschiedlichen Reaktionen verhandelt.
00:33:42: Wenn uns das gelingt, halten wir eine Gesellschaft offen und demokratisch.
00:33:46: Und das schaffen die Künste dann, wenn wir sie vollständig freilassen und wenn
00:33:49: wir von ihnen eben nicht verlangen, was ja momentan auch en vogue ist,
00:33:52: auf einmal auch bei demokratischen Akteuren, dass man sagt, die Kunst muss uns
00:33:56: jetzt aber dabei helfen, dass Folgendes gelingt.
00:33:58: Da bin ich schon auf der schiefen Ebene, da rutsche ich schon runter in einen
00:34:00: Bereich, in dem ich anfange Kunst zu verzwecken und ihr Freiheit zu nehmen.
00:34:04: Gerade dann, wenn sie die volle Freiheit hat, alles zu tun und im Zweifel auch
00:34:08: aufzuregen und nicht nur anzuregen,
00:34:09: dann können wir ihr Potenzial auch demokratisch halten und ausbauen.
00:34:13: Da stellt sich ja schon die Frage oder auch das Problem, dass die Kunst und
00:34:18: Kultur nicht von allen gleichermaßen auch wahrgenommen wird oder die Räume nicht
00:34:22: gleichermaßen betreten werden.
00:34:24: Siehst du da vielleicht gerade in der Form des Films auch ein spezifisches Potenzial?
00:34:32: Erstens glaube ich, dass alle Menschen sich mit Kunst und Kultur umgeben.
00:34:36: Die Frage ist, was ist das für jemanden? Es gibt Leute, die gehen nicht ins
00:34:39: Theater, aber die spielen Games und wenn ich mir diese Games heute angucke,
00:34:42: sind die auch eine Form von visueller Narration, durchaus auch mittlerweile
00:34:45: komplex gebrochen und gar nicht mehr linear und da steckt was drin.
00:34:48: Was ebenfalls eine kulturelle und teilweise auch, wenn ich mir die ästhetischen
00:34:52: Welten angucke, die da geschaffen werden, eine künstlerische Dimension hat,
00:34:56: die man nicht unterschätzen sollte.
00:34:57: Insofern lohnt es da auch rauszukommen aus diesen E- und U-Gegensätzen,
00:35:01: die wir uns in Deutschland immer besonders gerne erzählen, sondern alle Menschen
00:35:04: suchen danach, ihren Alltag mit Sinn aufzufüllen und finden dazu was.
00:35:08: In der Tat ist Kino aber ein Moment, das stimmt absolut, der vergleichsweise
00:35:12: niedrigschwellig und vielfältig zugänglich ist und ja auch genauso genutzt wird.
00:35:16: Und wenn ich mir angucke, also ich war neulich mit meiner großen Tochter lange
00:35:20: im aktuellen Spider-Man-Film und da ist genau der Cineast,
00:35:24: wie der Marvel-Comics-Fan, derjenige, der sich an der Superhero-Geschichte delektiert,
00:35:29: wie derjenige, der sich über die Special Effects freut, wie derjenige,
00:35:32: der darin am Ende wieder mal nur eine relativ kluge Coming-of-Age-Geschichte,
00:35:36: von einem Helden, der mit seinen Fähigkeiten und dem, was diese Fähigkeiten
00:35:40: in seinem sozialen Umfeld machen, struggelt, auslöst.
00:35:43: Also die Perspektiven darauf sind total unterschiedlich und ich kann das gleiche
00:35:47: Werk aus völlig unterschiedlichen Richtungen sehen.
00:35:49: Und Film ist eine der Kunstformen, die es noch ziemlich gut hinkriegen,
00:35:54: eine große Bandbreite von Menschen und eine große Vielfalt in den Kinosaal zusammenzuholen
00:35:59: und sich begegnen zu lassen am Rande eines,
00:36:02: kulturellen, künstlerischen Erlebnisses. Und das ist toll.
00:36:05: Also das ist dringend und unbedingt erhaltenswert.
00:36:07: Das ist ja auch was Besonderes eben am Filmfest Hamburg, dass da wirklich auch
00:36:11: ein sehr diverses Publikum zusammenkommt.
00:36:14: Aber auch die Filme sind sehr divers. Sie kommen ganz unterschiedlichen Geschichten
00:36:19: aus ganz unterschiedlichen Ecken der Welt. Du hast es schon angesprochen,
00:36:21: es sind teilweise Filme, die man sonst eben gar nicht sehen würde aus Ländern,
00:36:26: die einem vielleicht auch noch komplett unbekannt sind.
00:36:29: Wie wichtig ist dieser internationale Charakter des Filmfests auch angesichts
00:36:34: der aktuellen Weltlage, wo wir ja davon sprechen, dass die Ordnung aus den Fugen
00:36:39: geraten ist und vor allen Dingen ja so sehr von Konfrontation auch geprägt ist?
00:36:43: Und ich finde, das sind für mich mit die beglückendsten Momente beim Filmfest,
00:36:47: wenn ich auf einmal auf der Straße eines Landes stehe, in dem ich noch nie war
00:36:52: und ein Gefühl bekomme über die Leinwand, wie es dort sein könnte.
00:36:56: Ich weiß gar nicht, ob es da so ist, das kann ich ja gar nicht abgleichen,
00:36:58: aber ich bekomme zumindest Perspektiven präsentiert, die ganz anders sind als meine Perspektiven.
00:37:03: Und dieses sich einlassen auf die Vielfältigkeit des Blicks auf Welt in unterschiedlichen
00:37:08: Kulturen, auch zu sehen, wie erzählt man in anderen Kulturen und wo sind die
00:37:13: Differenzen zu der Art und Weise, wie wir erzählen, welche Mythen werden da
00:37:15: beschworen, wie werden Charaktere eingeführt.
00:37:18: Das ist super spannend und wenn man sich dafür öffnet und nicht sagt,
00:37:22: ich brauche das aber so, wie ich es kenne, dann ist es auch wahnsinnig bereichernd
00:37:25: und man geht schlauer und aufgeklärter aus dem Kino raus, als man reingekommen ist und das
00:37:31: ist schon was ziemlich Gutes, was da erreicht werden kann.
00:37:33: Und das Filmfest macht sich das ja seit Jahren zur Aufgabe, genau diese Vielfalt zu zeigen.
00:37:38: Und du hast gerade gesagt, richtigerweise in einer Welt, in der wir ein bisschen,
00:37:42: das Bewusstsein dafür verlieren, dass wir in dieser Vielfalt miteinander klarkommen
00:37:46: müssen und dass darin unsere Zukunft liegt und nicht wieder in einem Zurückziehen auf Einfältigkeit,
00:37:52: ist das eine wichtige und notwendige Erinnerung daran, dass das auch geht.
00:37:56: In deinen Augen, kannst du das definieren, was einen richtig guten Film ausmacht
00:38:01: oder einen richtig guten vielleicht auch politischen Film?
00:38:04: Man kann ja oft gar nicht so ganz klar da eine Grenze ziehen,
00:38:06: was ist ein politischer Film, was ist es nicht, aber was ist in deiner Aussage
00:38:11: ein Film, der das, was du jetzt auch so beschrieben hast, erfüllt?
00:38:17: Mit Definitionen tue ich mich ganz schwer. Also ich wäre tatsächlich dabei,
00:38:19: politische Filme abzugrenzen, ist komplett schwierig. Zum Beispiel Pride,
00:38:23: den ich vorhin genannt habe, ist ein wahnsinnig politischer Film,
00:38:25: der auch mitten in einem politischen Konflikt und in all die identitätspolitischen
00:38:29: Auseinandersetzungen, die wir heute noch haben, hineinführt.
00:38:32: Aber selbst einen Film wie The Breakfast Club aus den 80ern.
00:38:36: Also ich weiß nicht, wer sich an den erinnert.
00:38:38: Fünf Kids samstags morgens zum Nachsitzen in der Schule sollen einen Aufsatz
00:38:41: über sich selbst schreiben, haben einen halbwegs tyrannischen Lehrer,
00:38:44: der sie irgendwie da kujoniert und sind die klassischen Klischee-Abziehbilder
00:38:49: eines jeden Highschool-Films.
00:38:51: Also sozusagen von dem Sportler über die Brave, über den Streber und so weiter.
00:38:55: Dann sitzen da alle und in ihrer Unterschiedlichkeit finden sie aber in diesen
00:38:58: anderthalb Stunden zueinander und erkennen, sie kommen durch diese Situation nur,
00:39:02: wenn sie trotz ihrer Unterschiedlichkeit zusammenarbeiten und finden dann auch
00:39:05: zusammen, ob das gut geht, weiß keiner, weil dann ist die Detention vorbei und
00:39:08: sie gehen alle nach Hause, ob die sich montags wieder fremd sind und sich ignorieren,
00:39:12: weiß keiner, aber in dem Moment schien die Möglichkeit auf, es miteinander hinzubekommen.
00:39:17: Und dann schreibt einer zum Schluss für die gemeinsam diesen Aufsatz,
00:39:22: sie geben dann gemeinsam ab und sagt, sie wollen halt, dass wir uns quasi dahin
00:39:26: reflektieren, dass wir so sind, wie sie uns sehen, so sind wir aber gar nicht.
00:39:30: Unfassbar politisch, aber von der Kategorisierung Highschool-Teenage-Film.
00:39:36: Und insofern glaube ich.
00:39:38: Manchmal steckt selbst in der Rom-Com noch was Politisches. Da muss man noch
00:39:41: ein bisschen mehr Akrobatik betreiben. Aber es sind viel mehr Filme politisch,
00:39:45: als man sich so ausmalt bisweilen.
00:39:48: Ja, wir haben da auch als FES immer eine große Auswahl tatsächlich an Filmen.
00:39:52: Das glaube ich sofort. Genau, an Filmen, die wir bringen und dann auch diskutieren
00:39:55: können, weil die einfach einen wahnsinnig guten Einstieg uns auch in der politischen
00:40:00: Bildungsarbeit einfach bieten, in Diskussionen zu kommen.
00:40:04: Danke Carsten für deine Antwort und für das Gespräch. Wir sind leider schon fast am Ende.
00:40:08: Der Sendung heute und am Ende der Sendung senden wir immer eine Flaschenpost an die Zukunft.
00:40:13: Dein Wunsch, deine Nachricht also an die Zukunft ist die Frage,
00:40:16: was schreibst du rein auf die Frage, werden wir in zehn Jahren noch ins Kino gehen?
00:40:21: Auf jeden Fall gehen wir in zehn Jahren noch ins Kino, weil es keinen besseren
00:40:24: Ort gibt, als sich wirklich in einen Film zu versenken, als in einem Kinosaal,
00:40:29: wenn das Licht ausgeht, die Leinwand sozusagen, der Vorhang geht auf und auf der Leinwand geht es los.
00:40:34: Wir sprechen ja von Aufklärung im Deutschen, im Englischen heißt es Enlightenment
00:40:38: und ich finde dieser Moment des Lichtangehens,
00:40:42: der ist im Kino, bekommt der eine sowohl sinnbildliche als auch konkrete Form
00:40:46: und ich finde, das ist Enlightenment im besten Sinne, wenn man ins Kino geht
00:40:50: und ich kann mir nicht und ich will mir nicht und ich werde mir nicht vorstellen,
00:40:53: dass Menschen freiwillig darauf verzichten.
00:40:55: Insofern, ja, wir gehen in zehn Jahren noch ins Kino, vielleicht sogar ein bisschen
00:40:58: mehr als heute, weil wir in all diesen digitalisierten und virtualisierten Welten
00:41:03: auch den Wunsch danach haben, Menschen zu begegnen.
00:41:06: Das ist ein schöner Wunsch, eine schöne Hoffnung und die nehmen wir mit in der Flaschenpost.
00:41:11: Und damit sind wir am Ende der 98. Folge von Friedrichs Flaschenpost,
00:41:14: dem Politik-Podcast aus Norddeutschland von der Friedrich-Ebert-Stiftung.
00:41:18: Danke euch, liebe Hörerinnen und Hörer, und danke dir, lieber Carsten.
00:41:22: Wir sprachen heute mit Dr. Carsten Brosda, dem Senator für Kultur und Medien
00:41:26: der Freien und Hansestadt Hamburg.
00:41:28: Noch einmal der Hinweis. Heute startet das Filmfest Hamburg und es geht bis zum 3. Oktober.
00:41:33: Es gibt noch Tickets und am 3.10. ist der Eintritt sogar frei.
00:41:37: Ihr findet uns, die FES, in der Veto-Sektion, der Sektion der politischen Filme.
00:41:42: Wir freuen uns darauf, die Filme mit euch zu schauen und sie im Anschluss auch zu diskutieren.
00:41:47: Denn es gibt in unseren Augen kaum einen besseren Einstieg in eine gemeinsame
00:41:50: Diskussion als einen politischen Film.
00:41:52: Also seid dabei und wir freuen uns drauf. Tschüss und bis zur nächsten Folge,
00:41:57: sagt Stine Klapper von der Friedrich-Ebert-Stiftung.
00:41:59: Macht es gut und natürlich bleibt politisch.
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